Warum Psychoanalyse?

Häufig werde ich gefragt, warum ich die Psychoanalyse so interessant finde. Beantworte ich diese Frage, schließt sich manchmal daran eine weitere Aussage an. Freud sei doch veraltet, überholt und problematisch. Und überhaupt: Was hat man als Historiker mit der Psychologie am Hut? Woher kam die Idee, diese beiden Disziplinen miteinander zu verbinden? Warum das ganze überhaupt?

In diesem Beitrag möchte ich auf diese Fragen eingehen und die Idee hinter diesem Blog und meiner Arbeit darlegen. Im Grunde genommen könnte ich all diese Fragen kurz und knapp beantworten: weil es mich interessiert. Doch steckt mehr dahinter und ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass genau Geschichte und Psychoanalyse mein Interesse anregen. Ehrlicherweise habe ich mir für diesen Beitrag keine Gliederung überlegt. Stattdessen möchte ich es in psychoanalytischer Manier angehen und frei assoziieren. Vielleicht landen wir am Ende beim Kern der Sache.

Ich maße es mir nicht an, allgemeingültige Aussagen über die Verbindung von Psychoanalyse und Geschichte zu treffen. Wie auch der gesamte Blog, stellt dieser Beitrag die Gedanken eines Geschichtsstudenten dar, der sich für die Psychoanalyse interessiert. Weder stehe ich am Ende meiner akademischen Laufbahn als Historiker, noch habe ich je Psychologie studiert. Auch möchte ich davor warnen, dass ich im Folgenden die wissenschaftliche Ebene verlassen und etwas pathetisch (daher der Blogname?) werde. Immerhin geht es hier um persönliches Interesse.

Anagnorisis

In einem Seminar über das antike griechische Drama bin ich über den Begriff der Anagnorisis gestolpert. Dieses Wort bedeutet “Wiedererkennung” und beschreibt den dramatischen Umschlag von Unwissenheit zu Wissen, zum Beispiel wenn sich zwei Charaktere wiedererkennen (wie Ion und Kreusa in Ion) oder ein Charakter erkennt, in welch dramatischer Lage er sich befindet (wie Herakles im gleichnamigen Stück). Um diesen Begriff soll es in diesem Beitrag gehen.

Vor kurzer Zeit hat mich jemand gefragt, warum ich ausgerechnet Geschichte studiere und was mich daran fasziniert. Darüber musste ich tatsächlich kurz nachdenken. Ja, die Wissenschaft an sich und das wissenschaftliche Arbeiten interessieren mich bzw. bereiten mir Freude. Sich einer Sache anzunehmen und sie methodisch zu bearbeiten, liegt mir. Aber das beantwortete nicht die Frage. Es muss ja mehr dahinter stecken. Da erinnerte ich mich an einen Moment im Urlaub in Griechenland.

Ich besuchte die Orakelstätte in Delphi und kann mich genau daran erinnern, wie fasziniert ich von der Tatsache war, dass ich die Worte, die jemand vor Jahrtausenden in den Stein gemeißelt hatte, entziffern konnte. Plötzlich war die zeitliche Distanz überbrückt. Je mehr ich dann über Delphi und die griechische Religion und Mythologie lernte, desto faszinierter fand ich, dass die grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz sich kaum verändert haben. Wo kommen wir her? Was ist unser Sinn auf diesem Planeten? Woher kommen die Dinge um uns herum? Es war beruhigend zu wissen, dass auch Menschen vor über 2000 Jahren sich mit diesen Fragen beschäftigt haben. Da war also die Wiedererkennung. Ich stellte mir die selben Fragen wie jemand vor langer Zeit.

Genau dieser Aspekt macht Geschichte, von der Wissenschaft selbst abgesehen, so nahbar für mich. Hinter dem ganzen wissenschaftlichen Konstrukt steht immer der Mensch und die Geschichte, die er erzählt. Diese Geschichten zu lesen, zu erfahren und aufzudecken erfüllt mich sehr. Als Kind habe ich immer Hörspiele zu den griechischen Sagen gehört und fand es faszinierend, dass die alten Griechen es geschafft hatten, Aspekte unserer Existenz so gut auf den Punkt zu bringen. Orpheus, der sich für seine Liebe in die Unterwelt begibt, nur um dann einen kurzen Moment menschliche Schwäche zu zeigen; besser kann man unsere Fehlbarkeit doch nicht auf den Punkt bringen. Oder Sisyphus, der bis heute die Sinnlosigkeit einer Aufgabe verkörpert. Und immer gab es einen Teil von mir, der sich damit identifizieren konnte.

Als ich diese Geschichte dann erzählte, wurde mir erst klar, wie sehr die Wiederkennung nicht nur in meinem Geschichtsverständnis, sondern auch in meiner Biographie verankert war.

Die Musik

Die Musik spielt seit jeher eine wichtige Rolle in meinem Leben. Als klassisch ausgebildeter Pianist kann ich viele Geschichten der Wiedererkennung erzählen. Wenn uns die Sonatenhauptsatzform eines lehrt dann, dass die Wiedererkennung eines Themas/Motivs ein zentraler Punkt von Musik ist. Genau das macht für mich ein gutes Stück aus; entweder das Thema ist so gut, dass ich es endlos lange hören kann1 oder es kehrt immer wieder, aber in leicht veränderter Form. Musiktheorie fasziniert mich ebenfalls schon sehr lange, aber ich möchte in diesem Beitrag nicht ausufernd werden. Stattdessen eine weitere Geschichte, die sich um Wiedererkennung dreht.

Ich könnte an dieser Stelle eine Vielzahl an Liedern anführen, in denen ich meine Existenz oder meine Erfahrungen wiedererkenne. Als großer Springsteen-Fan fallen mir spontan Badlands als eine Hymne an den Durchhaltewillen oder Adam Raised a Cain als ein Lied über transgenerationales Trauma ein (um es einmal überspitzt psychologisch auszudrücken). Doch bisher hat es niemand so gut getroffen wie Bob Dylan in If You See Her, Say Hello. Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass es kein besseres Album über Liebe gibt als Blood on the Tracks.2 In besagtem Lied geht es um verlorene Liebe. Als jemand, der genau diese Situation erlebt hat, konnte ich mich besonders mit den letzten beiden Strophen identifizieren, die ich leider an dieser Stelle aus urheberrechtlichen Gründen nicht zitieren kann. Ich lege den Song jedem ans Herz.

In einer Zeit, in der es für mich darum ging, das Erlebte zu verarbeiten und vor allem damit abzuschließen, sprachen diese Worte mir aus der Seele. Diese Identifikation war sehr interessant zu beobachten. Bis heute bereitet es mir sehr viel Freude, mich in Liedern wiederzuerkennen.

Aber genug des Exkurses in die Musik. Wie lässt sich nun die Psychoanalyse damit verbinden?

Die Identität

In einem Seminar namens “Texte zur antiken Psychologie” kam ich das erste Mal im universitären Kontext mit der Psychoanalyse in Berührung. Für die Psychologie interessierte ich mich bereits vorher, hatte einige Texte von Freud gelesen aber mein Interesse nie vertieft. Das änderte sich im Laufe des Seminars. Dort las ich einen Aufsatz namens A Psychoanalytical Reading of Euripides’ Ion: Repetition, Development and Identity von Naomi Weiss. Ich lege diesen Aufsatz jedem ans Herz, der sich für Psychoanalyse interessiert. Weiss unterzieht dort der Tragödie Ion von Euripides einer psychoanalytischen Deutung. Grundlegende dramaturgische Mittel wie die Wiederholung werden dort aus einer psychoanalytischen Perspektive beleuchtet. Am Ende des Semesters schrieb ich eine Hausarbeit über diesen Aufsatz, in der ich Weiss’ Ideen erweiterte, die Grenzen aufzeigte und neue Ideen diskutierte. Wenig später schrieb ich in meiner Thesis meine eigene psychoanalytische Deutung von zwei Tragödien des Euripides. Mir wurde bewusst, dass Psychoanalyse und Geschichte gar nicht so weit voneinander entfernt sind.

Gewissermaßen schloss sich in dieser ersten Begegnung mit der Psychoanalyse der Kreis. In besagtem Aufsatz verweist Weiss auf Freuds Jenseits des Lustprinzips und den von ihm postulierten Wiederholungszwang. Während Freud über die Rolle der Wiederholung im Kindesalter schreibt, fällt dort folgender Satz:

Dem Lustprinzip wird dabei nicht widersprochen; es ist sinnfällig, daß die Wiederholung, das Wiederfinden der Identität, selbst eine Lustquelle bedeutet.

Vielleicht ist es genau dieses Wiederfinden der Identität, das mir so viel Freude bereitet. Sei es in der Geschichte, in der Musik oder in Dramen. Die Verbindung von Psychoanalyse und antiken Dramen machten sie nochmals nahbarer und eröffneten gleichzeitig eine interessante Perspektive.

Psychoanalyse und Tragödien

Wie passen nun Psychoanalyse und antike Dramen zusammen? Zunächst möchte ich auf den modus operandi dieser beiden Disziplinen verweisen. Bei der Psychoanalyse legt sich der Patient auf die Couch, beginnt frei zu assoziieren und die Aufgabe des Analytikers ist es, die Aussagen zu deuten, einzuordnen und entsprechende Konflikte sichtbar zu machen. Die Prämisse lautet, dass der Patient immer etwas zu sagen hat, dass ins Unbewusste führt. Es ist die Aufgabe des Analytikers diese Verbindung aufzudecken. Ein Eckpfeiler ist dabei die Gegenübertragung, also die unbewusste emotionale Resonanz und Projektionsdynamik zwischen Analytiker und Patient. Die Psychoanalyse ist ein Akt der Deutung und findet nicht in einem objektiven, luftleeren Raum statt. Sie entwickelt eine Dynamik zwischen dem Gesagten und dem Gehörten. Das Ziel der Psychoanalyse als Wissenschaft ist demnach die Erforschung der conditio humana. Findet derselbe Prozess nicht auch im antiken Drama statt, nur aus einer anderen Perspektive?

Die Rolle des Patienten übernehmen hier der Mythos selbst bzw. das, was auf der Bühne verhandelt wird (durch die Protagonisten). Der Mythos ist es, der immer etwas zu sagen hat und die verdichteten Konflikte einer Kultur in sich trägt, ähnlich wie das Unbewusste des Patienten. Der Akt der Deutung findet in zweierlei Weise statt: im Moment der Rezeption durch den Zuschauer außerhalb der Fiktion und durch den Chor, dessen Funktion die Reflexion des Geschehen innerhalb der Fiktion ist. Das Anschauen eines Stückes ist immer ein Akt der Deutung genauso wie das Anhören des Patienten in der Psychoanalyse. Die Bühne repräsentiert denselben Raum wie die Couch. Der Rahmen der Psychoanalyse erlaubt es dem Patienten, Verbotenes, Tabuisiertes und Beschämendes auszusprechen. Die Fiktion, der Ritus und die künstlerische Distanz der antiken Dramen erlaubt dasselbe. Wie die Gegenübertragung ist auch die Katharsis keine kognitive Reaktion, sondern eine unbewusste, affektive Resonanz, in der der Zuschauer im fremden Schicksal eigene, ihm selbst unbewusste Konflikte wiedererkennt. Schließlich bleibt am Ende der antiken Dramen dasselbe Ziel: die Erforschung der conditio humana. Hier werden die Fragen der menschlichen Existenz verhandelt, welche die Psychoanalyse als Wissenschaft zum Gegenstand hat.

Doch hat diese Analogie auch ihre Grenzen. Während die Psychoanalyse ein dialogischer Prozess am Individuum ist—immerhin kann der Patient den Deutungen widersprechen oder sie bestätigen—verhandelt das Drama den Konflikt kollektiv in einem Moment ohne Rückmeldung des “Patienten.” Die Deutung bleibt also dem Zuschauer allein überlassen. Es existieren noch viele weitere Grenzen, auf die wir innerhalb der psychoanalytischen Deutung stoßen. Sie alle aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Zum Ende dieses Absatzes sei festgehalten, dass die Tragödie (wie jede andere Kunstform) höchst psychologisch ist.

Psychoanalyse und Geschichte

Im Seminar zu den Texten zur antiken Psychologie stellte mein Professor eine simple Frage:

Wenn Freud über Menschen schreibt und zu bestimmten Ergebnissen kommt, müssten diese Befunde dann auch nicht im Drama wieder zu finden sein? Immerhin geht es dort ja auch um Menschen?

Damit war eigentlich schon die Brücke zwischen Psychoanalyse und Geschichte geschlagen. Ich könnte jetzt Absatz um Absatz darüber schreiben, dass die Psychoanalyse uns als Historiker weitere Perspektiven eröffnet, uns bei der Reflexion unserer eigenen Praxis behilflich sein kann etc. pp. Doch ist dies hier ein Blog im Internet und es ist keine wissenschaftlich-methodologische Rechtfertigung vonnöten. Ich möchte es anders ausdrücken.

Als Historiker möchte ich die Menschen der Vergangenheit besser verstehen. Einen Zugang dazu finde ich durch die Psychoanalyse. Mir geht es nicht darum, die Menschen von früher zu diagnostizieren oder in moderne Schubladen zu packen. Mir geht es um die Geschichte selbst—um das, was der Mensch uns sagen möchte. Sei es Euripides als Künstler oder die Gesellschaft, in der er schreibt. Keine Geschichte kann losgelöst werden von der Realität, in der sie entstanden ist. Wir alle sind geprägt durch unsere Umwelt. Diese Verbindung aufzudecken, versucht sowohl die Psychoanalyse, als auch die Geschichte.

Und genau das ist die Antwort auf die Frage meines Professors: Die Befunde Freuds finden sich im Drama wieder, weil beide—Freud wie Euripides—denselben Gegenstand hatten: den Menschen. Nur die Sprache, in der sie ihn beschrieben, war eine andere.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass die Theorien von Freund in einem bestimmten Milieu entstanden sind und starke Vorsicht geboten ist, wenn man sie auf antike Dramen anwendet. Dass es sich beim antiken Drama und der Psychoanalyse um verschiedene Denkmuster handelt, ist mir klar. Es gibt vieles an Freud, das überholt oder veraltet ist. Doch müssen wir seine Texte dann direkt auf den Scheiterhaufen werfen? Vergessen sollten wir auch nicht, dass es noch viel mehr Autoren gibt.

Genau darin liegt für mich der Reiz: Ich möchte die Antike nicht diagnostizieren, ich möchte ihr zuhören. Vielleicht ist es am Ende, wie so oft in diesem Beitrag, dieselbe Suche nach Wiedererkennung.

  1. wie die Akkordfolge von Sultans of Swing
  2. besonders hervorzuheben sind Shelter from the Storm und Idiot Wind.

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