Ist Kassandra hysterisch? (4/5) – Das Gebiet des sexuellen Erlebens
Trauma, Affekt, Körper – mit diesen Begriffen haben wir uns in dieser Serie bisher beschäftigt. Unsere Reise – und diese Serie – endet sozusagen dort, wo sie begonnen hat: beim Mythos der Kassandra. Nur untersuchen wir nicht das traumatische Erlebnis im Tempel der Athene, sondern den Mythos der missverstandenen Seherin. Gewissermaßen eine tiefgehende Analyse ihrer Kindheit bzw. Jugend vor dem Untergang Trojas. Wer ist eigentlich Kassandra? Und was könnte Freud damit zu tun haben?
Ein entscheidender Satz innerhalb Freuds Schriften inspirierte mich dazu, diesem Thema einen eigenen Beitrag zu widmen. In Zur Ätiologie der Hysterie schreibt Freud über das – von ihm so genannte – “Gebiet des sexuellen Erlebens”, auf das die langen Assoziationsketten der Erinnerungen zurückführen. In diesem Beitrag schauen wir uns dieses Zitat genauer an und fragen uns dann, ob sich der Mythos der Figur Kassandra auf diesem Gebiet abspielt. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir in eben diesen Mythos eintauchen und ihn in den antiken Quellen auffinden. Dieser Beitrag ist gleichsam eine Art Grundstein für einen noch folgenden Typos-Beitrag, in dem ich untersuche, inwiefern Euripides den Mythos der Kassandra anpasst. 1
Das Gebiet des sexuellen Erlebens
Von welchem Fall und von welchem Symptom immer man seinen Ausgang genommen hat, endlich gelangt man unfehlbar auf das Gebiet des sexuellen Erlebens. Hiermit wäre also zuerst eine ätiologische Bedingung hysterischer Symptome aufgedeckt.2
So beginnt Freud eine Gedankenkette, die für sein Verständnis der Hysterie enorm wichtig ist. Am Ende dieser Gedankenkette steht der Befund, dass in allen achtzehn der von ihm behandelten Hysterien ein sexuelles Erlebnis im Kindesalter zugrunde liegt. Diese sogenannte Verführungstheorie wird im weiteren Verlauf der Geschichte noch wichtig werden, da Freud sich später von ihr abwenden wird. Heutzutage geistert das Narrativ umher, er habe dies getan, um Täter zu schützen.3 Doch das soll uns erstmal nicht weiter stören. Betrachten wir Freuds These; die Einordnung ihrer Angemessenheit überlasse ich jedem selbst.
Freud schreibt, dass sexuelle Erlebnisse – dazu gehört die ganze Bandbreite von Missbrauch bis zum Anhören eines obszönen Witzes – im Pubertätsalter nicht determinierend genug für eine Hysterie erscheinen. Diese Erlebnisse sind zwar häufig vorhanden, aber halten einer psychoanalytischen Prüfung nicht stand. Demnach schlägt Freud vor, die Determinierung der Symptome in noch weiter zurückliegenden Erlebnissen zu suchen und landet damit in der Kindheit, einer Zeit “vor der Entwicklung des sexuellen Lebens.”4 Freud buchstabiert hier etwas Befremdliches aus: Es handelt sich um “sexuelle Erfahrungen am eigenen Leib, um geschlechtlichen Verkehr (im weiteren Sinne)”5, welche die hysterischen Symptome determinieren.
Ich stelle also die Behauptung auf, zugrunde jedes Falles von Hysterie befinden sich – durch die analytische Arbeit reproduzierbar, trotz der Dezennien umfassenden Zeitintervalles – ein oder mehrere Erlebnisse von vorzeitiger sexueller Erfahrung, die der frühesten Jugend angehören.6
Freud beschreibt hier also etwas, dass es im 21. Jahrhundert ebenfalls gibt (nur eben nicht unter dem Begriff der Hysterie). Die Tatsache, dass (sexuelles) Trauma in der Kindheit zu Traumafolgestörungen im Erwachsenenalter führen kann. Später teilt Freud diese sexuellen Erfahrungen in drei Gruppen ein: Missbrauch durch einen fremden Erwachsenen, die Einführung in den sexuellen Verkehr durch eine das Kind wartende Person und sexuelle Verhältnisse zwischen Kindern. Im Kern geht es also um vorzeitige sexuelle Erfahrungen, die Freud hier als Ursache der hysterischen Symptome nennt. Damit haben wir einen weiteren hysterischen Mechanismus aufgedeckt.
Die paradigmatische weibliche Adoleszente
Verbinden wir nun diesen Mechanismus mit Kassandra, so können wir uns die folgenden Fragen stellen. Hat Kassandra so eine vorzeitige sexuelle Erfahrung gemacht? Spielt sich ihre Kindheit/Jugend auf dem Gebiet des sexuellen Erlebens ab? Was genau an Kassandra ist eigentlich sexuell konnotiert?
Bevor wir in die antiken Quellen eintauchen, werfen wir einen Blick in den Neuen Pauly. In gewisser Weise nehmen wir hier die Beantwortung der obigen Fragen vorweg, denn ihr Lexikoneintrag ist diesbezüglich vielsagend:
Κασσάνδρα, “die unter den Männern hervorragt” […]. Schönheit, Jugend und gesellschaftlicher Status als Prinzessin machen sie zur paradigmatischen weibl. Adoleszenten. Dazu paßt der Vergewaltigungsversuch des Aias, nachdem K. bei einem Bildnis der Athena in deren Heiligtum Zuflucht gesucht hatte, was schon in der Iliupersis und bei Alkaios berichtet wird und auch in den frühesten bildlichen Darstellungen im 6. Jh.v.Chr. durch K.s (partielle) Nacktheit und ihre jugendliche Erscheinung angedeutet wird.7
Den Mythos der Kassandra als sexuell konnotiert zu bezeichnen, ist sogar schon zu vage formuliert. Kassandra ist nicht sexuelle Konnotation, sie ist das Paradigma von (versuchter) sexueller Gewalt. Sie berührt dieses Thema nicht, sondern sie besteht aus diesem Thema. Das ist ihr Mythos. Betrachten wir die Aspekte, die Kassandra mit geschlechtlichem Verkehr verbinden, bevor wir die Suche präzisieren.
Ihr Name, ihre Worte, ihr Handeln
So ist zuerst ihr Name zu nennen. “Die unter den Männern hervorragende” suggeriert etwas, das sie begehrenswert macht und woraus sich die Vergewaltigung “erklärt.” Über die Ereignisse im Tempel habe ich bereits geschrieben. Nun ist ihre Nacktheit in den Bildnissen dazuzuzählen. Nacktheit auf Bildnissen ist zwar kein revolutionäres Konzept, aber verbunden mit den anderen Aspekten zeichnet sich dadurch ein bestimmtes Bild. Vieles, wenn nicht sogar alles an ihrem Mythos ist auf den ersten Blick sexuell konnotiert. Auch in der Tragödie – quasi in der Gegenwart – führt Euripides diese sexuelle Konnotation fort.
Das Hochzeitslied, dessen Bedeutung ich versucht habe, zu dekonstruieren, hat eine inhärente sexuelle Konnotation, durch die Tatsache, dass Vermählung mit Prokreation verbunden ist. Die Vermählung mit Agamemnon ist eine erzwungene sexuelle Vereinigung. Betrachten wir Kassandra als bacchisch tanzend, so ist einleuchtend, dass auch die Verbindung zu Dionysos sexuell konnotiert ist. Geht es beim Dionysischen um das Aufbrechen von Grenzen und die Befreiung von Trieben, so zählt der Sexualtrieb zweifelsohne dazu.
Ein Aspekt an ihrem Auftritt, der in dieser Serie noch keine Erwähnung fand, ist die Bedeutung der Fackel im Kontext der Tetralogie. Im fragmentarisch erhaltenen Alexandros – dem ersten Teil der Tetralogie, zu der Die Troerinnen gehört – träumt Hekabe während der Schwangerschaft mit Paris, dass sie eine brennende Fackel gebärt, die Troja zerstören wird. Im Kontext der Tetralogie betreibt Euripides damit foreshadowing, da Paris’ Rückkehr nach Troja das Ende einleiten wird. Dieses Ende lässt Euripides manifest werden, dadurch das Kassandra eine Fackel schwingt und Troja am Ende der Tragödie wirklich in Flammen steht. Durch diesen Traum von Hekabe ist die Fackel – meiner Meinung nach – ebenfalls sexuell konnotiert. Natürlich nicht so stark, wie die anderen Aspekte an ihrem Auftritt oder Mythos. Immerhin handelt der Traum nicht von sexueller Gewalt, doch symbolisiert die Fackel indirekt geschlechtlichen Verkehr, aus dem Nachwuchs entspringt.
Die Wurzel ihrer Gabe und ihres Fluches
Nun habe ich im vorherigen Teil eine mehr oder weniger formlose Liste an Aspekten präsentiert, die im weitesten Sinne mit geschlechtlichem Verkehr verbunden werden können. Auch der Lexikoneintrag bietet einen geeigneten Eingangspunkt. Doch endet unsere Suche nicht dort. Der interessante Mythos der Kassandra verdient es, näher zu durchleuchtet zu werden und dieser Beitrag bietet den Platz dazu, der Frage nachzugehen, ob Kassandra in ihrer Kindheit etwas erlebt hat, dass Freud als “vorzeitige sexuelle Erfahrung” bezeichnet. Diejenigen, die bereits von der Figur der Kassandra gehört haben, werden sich nun vielleicht daran erinnern, dass sie etwas mit dem Gott Apollon zu tun hat und dass sie eine Seherin ist, der kein Glauben geschenkt wird. Nicht umsonst gibt es den Begriff der Kassandrarufe. Doch was sagen uns die antiken Quellen?
Gewissermaßen gibt es zwei – freilich diametral zueinander liegende – Geschichten, die beschreiben, wie Kassandra zu ihrer Gabe und ihrem Fluch zugleich gekommen ist. Bevor wir uns die allseits bekannte Geschichte der Verfluchung durch Apollon anschauen, werfen wir einen Blick auf die weniger bekannte Geschichte. Ich habe jeweils für beide Geschichten eine antike Quelle exemplarisch ausgewählt, um das jeweilige Narrativ zu illustrieren. Kassandra taucht in vielen lyrischen, römischen und auch mythographischen Quellen auf. Neben den Troerinnen ist ihr bekanntester Auftritt wohl im Agamemnon des Aischylos, in dem sie ihren Fluch erwähnt.
Vergessen im Tempel
Die weniger bekannte Geschichte findet sich nur in den Scholien zu Homer. Kurz zur Erläuterung: Als Scholien bezeichnet man erklärende Anmerkungen von Gelehrten, die in alten Manuskripten an den Rand oder zwischen die Zeilen geschrieben wurden, um literarische Werke (wie die von Homer) zu interpretieren und zu erläutern. Gewissermaßen sind sie die Vorläufer von heutigen kommentierten Ausgaben antiker Texte. In einem Kommentar zum 44 Vers des siebten Gesanges der Ilias finden wir Folgendes:
ἡ ἱστορία παρὰ Ἀντιφάνει· φασὶ γὰρ τὸν Πρίαμον εὐωχούμενον ἐν τῷ τοῦ Θυμβραίου Ἀπόλλωνος ἱερῷ ἐπιλαθέσθαι τῶν παίδων Κασσάνδρας καὶ Ἑλένου· τοὺς δὲ ἐν τῷ ἱερῷ κοιμηθέντας ὑπὸ δρακόντων καθαρθῆναι τὰς αἰσθήσεις, καὶ οὕτως αὐτοὺς τὴν μαντικὴν λαβεῖν8
Da diese Scholien nicht übersetzt wurden, hier eine sinngemäße Zusammenfassung: Als Priamos im Tempel des thymbräischen Apollon speiste, vergaß er seine Kinder Kassandra und Helenos. Diese schliefen ein und während ihres Schlafs näherten sich Schlangen und reinigten ihre Sinnesorgane, wodurch sie die Sehergabe erhielten.
Das Erlangen der Sehergabe wird hier quasi als biologische Veränderung und als wundersames Ereignis in der Kindheit von Kassandra beschrieben. Auch handelt es sich um eine klassisch-mythologisch anmutende physische Metapher. Ein geistiger Vorgang (das Erlangen der Sehergabe) wird durch einen körperlichen Vorgang (das Reinigen der Ohren) beschrieben. So weit, so gut. Doch ist diese Geschichte erotisch bzw. sexuell konnotiert?
Von Schlangen und Ohren
Ich glaube, es ist nicht weit hergeholt, dass das Eindringen einer Schlange in eine Körperöffnung eine sexuelle Metapher sein kann. Ich überlasse jedem selbst eine bildliche Darstellung dieses Aktes. Doch sind die Schlangen nicht nur einfach Tiere. Vielmehr repräsentieren sie den Gott Apollon. Der Sage nach besiegte er die Python in Delphi auf der Suche nach einem Platz für sein Heiligtum, um nur einen der Aspekte zu nennen, die bei ihm mit Schlangen verbunden sind. Dass Götter häufig den Menschen in Tierform entgegentreten, sollte allseits bekannt sein. In diese Episode kann also gedeutet werden, dass sich Apollon körperlichen Zugriff – in Form der Schlangen – auf das schlafende Mädchen verschafft. Dieser Akt kann durchaus sexuell gedeutet werden.
Apropos Schlaf: Merken wir uns, dass Kassandra in dieser Geschichte schläft, es wird bei der Betrachtung der anderen Geschichte noch wichtig werden. Auch möchte ich auf die Bedeutung dieser Episode verweisen. Deuten wir die Reinigung durch die Schlangen als eine Art Initiationsritus, so kann festgehalten werden, dass hier Körperöffnungen gereinigt werden, damit Apollon später in den Körper der Kassandra eindringen kann. Im Kern geht es um die Inbesitznahme eines Körpers. Dass hierbei auch Erotik bzw. sexuelles Erleben eine Rolle spielt, ist nicht von der Hand zu weisen.
Auch sollte uns aus der Bibel die Kopplung von Erkenntnis und Körper bekannt vorkommen: “Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger….” In der Bibel ist die intimste Form der Erkenntnis immer mit körperlicher Vereinigung gekoppelt. Das schlägt sich eben auch in jenem hebräischen Verb “jada” nieder, welches diese beiden Dimensionen verbindet. Eine scharfe Trennung zwischen dem Körper (der Sex hat) und dem Geist (der erkennt), gibt es nicht. Genauso verhält sich in der Erzählung über Kassandra. Auch hier ist Erkenntnis mit einer körperlichen Vereinigung gekoppelt.
Zwar ist die Geschichte über die Schlangen und Kassandra nicht auf den ersten Blick sexuell konnotiert, doch bei genauem Hinsehen fällt auf, dass hier der Akt einer körperlichen Vereinigung beschrieben wird, aus dem dann die Sehergabe entspringt. Stellt man sich diese Episode bildlich vor, so schwingt ein gewisser Grad an Sexualität mit. Somit haben wir nicht nur die Frage nach einer sexuellen Konnotation beantwortet, sondern können auch festhalten, dass es sich hier um “um geschlechtlichen Verkehr im weiteren Sinne” handelt. Während wir bei dieser Geschichte genau hinschauen müssen, liegt die sexuelle Ebene bei der bekannteren Version offen zutage. Diese Geschichte dreht sich nämlich um Sex.
Die Abweisung des Apollon
Die Verfluchung durch Apollon taucht in einigen antiken Werken auf. Ich habe hier einmal exemplarisch den Text von Hyginus Mythographus herausgegriffen. Die exakte Identität dieses Autors ist etwas unklar, meist wird er mit einem Zeitgenossen Augustus’ namens Gaius Iulius Hyginus in Verbindung gebracht. Dieser Hyginus verfasste zwei mythographische Bücher, in der Genealogiae schreibt er über Kassandra:
Cassandra Priami et Hecubae filia, in fano Apollinis lusu lassa cum obdormivisset, Apollo eam comprimere voluit; cui Cassandra copiam sui non fecit. Ob quam rem Apollo fecit ut, cum vera vaticinaretur, fides ei non haberetur.
Kassandra, die Tochter des Priamos und der Hekabe, soll einst vom Spiel erschöpft im Heiligtum des Apoll eingeschlafen sein. Als Apoll ihr Gewalt antun wollte, verweigerte sie sich ihm. Deswegen bewirkte Apoll, dass sie, auch wenn sie die Wahrheit verkündete, keinen Glauben fand.9
Es ist keine großartige Deutungsarbeit vonnöten, um festzustellen, dass sie auch diese Geschichte auf dem Gebiet des sexuellen Erlebens abspielt. Interessanterweise findet sich auch hier das Motiv des schlafenden Mädchens, welches Apollon versucht, in Besitz zu nehmen. Nicht nur spielt sich diese Geschichte auf dieser Ebene ab, sondern wird hier auch ein Ereignis beschrieben, welches Freud in seinen Beispielen der vorzeitigen sexuellen Erlebnissen nennt. Eine das Kind wartende Person, versucht sich, ihm sexuell anzunähern. Bei dieser Person, also Apollon, handelt es sich auch nicht um einen beliebigen Erwachsenen. Apollon ist eng verbunden mit Priamos und der Stadt Troja. Der dahinterstehende Verrat seiner Sorgfaltspflicht – um es einmal modern auszudrücken – wirkt umso tückischer. Im Kern handelt diese Geschichte eindeutig von einer vorzeitigen sexuellen Erfahrung, die sich in derselben Altersklasse abspielt, wie von Freud beschrieben.10
Es scheint auch diese Erzählung zu sein, die Euripides in seiner Tragödie reproduziert. Wie bereits beschrieben, tritt hier – aus psychoanalytischer Sicht – eine geschundene Adoleszente auf, die Ereignisse aus ihrer Vergangenheit in die Gegenwart transportiert. Diese Ereignisse sind eng verbunden mit Sexualität, sexuellem Missbrauch und vorzeitigen sexuellen Erfahrungen.
Fazit
Kehren wir nach dieser langen Untersuchung zurück zum Kern dieses Beitrages und der Beantwortung der Fragen. Kassandra – ihre Figur und ihr Mythos – ist in nahezu allen Belangen sexuell konnotiert. Präziser formuliert: Wir können hier schon eine sexuelle Ontologie feststellen. Ihre Existenz, innerhalb und außerhalb der Tragödie, ist untrennbar mit dem sexuellen Akt oder dem sexuellen Begehren verbunden. Ohne das Begehren Apollons gäbe es die Seherin Kassandra überhaupt nicht. Da können wir uns als Individuen die (philosophische) Frage stellen, inwiefern traumatische Erlebnisse unser Schicksal bestimmen. Ich bin sicher, hier hat jeder eine andere Antwort parat.
Zumindest einer der Mythen beschreibt eine vorzeitige sexuelle Erfahrung im Kindesalter. Der andere Mythos beschreibt ein ähnliches Ereignis nur deutlich obskurer und verpackt in einer physischen Metapher. Gehen wir davon aus, dass die These Freuds einen weiteren Mechanismus der Hysterie abbildet – nämlich, dass vorzeitige sexuelle Erfahrungen im Kindesalter maßgeblich zur Hysterie beitragen – , so können wir feststellen, dass Kassandra auch diesen Mechanismus abbildet. Nachdem wir die mythologischen Wurzeln freigelegt haben, führen wir im nächsten und letzten Teil dieser Serie alle Fäden zusammen, um unsere Befunde abschließend einzuordnen.
Die hier skizzierte “sexuelle Ontologie” der Kassandra wirft eine fundamentale Frage auf: Inwieweit bestimmt ein (traumatisches) Schicksal unsere Identität? Ist eine Existenz jenseits dieser Prägung im Mythos überhaupt vorgesehen? Ich bin gespannt auf Ihre Antworten und philosophischen Ansätze.
Kassandra in Die Troerinnen – Ein Anfall der Hysterie?
Dieser Beitrag ist Teil meiner sechsteiligen Serie über den Auftritt der Kassandra in Euripides’ Die Troerinnen:
- Teil 0 (Primer): Warum tanzt Kassandra?
- Teil 1: Das Trauma der Kassandra
- Teil 2: Der unverarbeitete Affekt
- Teil 3: Die körperlichen Symptome
- Teil 4: Das Gebiet des sexuellen Erlebens [Sie sind hier]
- Teil 5: Schlussfolgerung
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- Zur Erklärung der vier Beitragskategorien sei auf die Über-Seite verwiesen.
- Freud, Sigmund: Zur Ätiologie der Hysterie, in: Freud, Anna (Hg.): Sigmund Freud, Gesammelte Werke. Erster Band, Werke aus den Jahren 1892-1899, Frankfurt 1999, S. 425-459, hier: S. 434.
- Hierauf bin ich bereits im Primer-Beitrag eingegangen, ein eigener Beitrag zu diesem Thema wird noch folgen.
- Freud, Sigmund: Ätiologie, S. 437.
- Freud, Sigmund: Ätiologie, S.439.
- Freud, S: Ätiologie, S. 439.
- Bremmer, J. N. (2006). Kassandra. In Der Neue Pauly Online. Brill. https://doi.org/10.1163/1574-9347_dnp_e610080
- Erbse, Hartmut (Hg.): Scholia Graeca in Homeri Iliadem (scholia vetustiora). Vol. 2: Scholia ad libros Γ–Δ continens. Berlin: De Gruyter, 1971.
- Hyg. Fab. 93, in: Hyginus Fabulae, Sagen der Antike, übersetzt von Franz-Peter Waiblinger, München 1996.
- Kassandra wird hier als Kind im spielfähigen Alter dargestellt, das bereits zur Gegenwehr fähig ist, aber noch keine Jugendliche ist.