Ist Kassandra hysterisch? (2/5) – Der unverarbeitete Affekt
Im ersten Teil dieser Serie haben wir ein Ereignis in der Vergangenheit von Kassandra identifizieren können, welches durchaus als “psychisches Trauma” bezeichnet werden kann, da es in der Tragödie reproduziert wird. In diesem Beitrag widmen wir uns einem weiteren Bestandteil der Hysterie. Dem unverarbeiteten Affekt.
Die angemessene Reaktion
Der Affekt steht bei Freud im Mittelpunkt der Heilung von hysterischen Symptomen. So ist es weniger das psychische Trauma selbst, als der damit verbundene und nicht angemessen abreagierte Affekt, der zu den hysterischen Symptomen führt. Im Umkehrschluss beschreibt Freud eine Heilung der hysterischen Symptome, wenn es gelang, die Erinnerung an das Trauma bewusst zu machen und “damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, und wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem Affekt Worte gab.”1
Wenig später beschreibt Freud die Entladung der Affekte etwas genauer. Die zentrale Frage lautet dabei, ob auf das Ereignis “energisch” reagiert wurde. Damit meint Freud eine Fülle an Reflexen, bei denen sich Affekte entladen, “vom Weinen bis zum Racheakt.”2 Nur wenn diese Reaktion in genügendem Maße erfolgt, kann der Affekt entladen werden. Wird diese Reaktion unterdrückt, bleibt der Affekt mit der Erinnerung verbunden und führt dann später zu Symptomen.3 Freud selbst verweist auf die Sprache, die für den Prozess der Entladung bestimmte Begriffe enthält und auch uns Menschen des 21. Jahrhunderts leuchtet ein, dass Gefühle aus dem Innenleben in die Außenwelt (natürlich in konstruktiver Weise) befördert werden müssen, um sie zu bearbeiten. Was unausgesprochen bleibt, gärt im Inneren.
Die Wiedergabe dieser Ausführungen genügt für unsere Zwecke, obwohl Freud einiges mehr über die Bearbeitung von psychischen Traumata schreibt. Auf diese Ausführungen werde ich an angemessener Stelle eingehen. Als Basis für diesen Beitrag sei noch ein Zitat erwähnt, welches das oben Beschriebene zusammenfasst:
“Die Reaktion des Geschädigten auf das Trauma hat eigentlich nur dann eine völlig ‘kathartische’ Wirkung, wenn sie eine adäquate Reaktion ist, wie die Rache.”4
Wo zeigt sich der unverarbeitete Affekt?
Die Frage lautet demnach: Gibt es im Auftritt der Kassandra Spuren eines unverarbeiteten Affektes? Und folgt eine angemessene Reaktion? Ich möchte diese Frage auf die gesamte Tragödie erweitern. Mir ist bewusst, dass sich diese Serie mit den hysterischen Elementen vom Auftritt der Kassandra beschäftigt. Allerdings steht der Auftritt der Kassandra in enger Verbindung mit der Prämisse der Tragödie, da die Bestrafung der Griechen quasi den Höhepunkt der “Handlung” darstellt. Wir stellen diese Fragen demnach bezogen auf Kassandra, als auch auf die gesamte Tragödie. Wie sich zeigen wird, ist das Konzept einer “angemessenen Reaktion” tief in der Tragödie verankert. Außerdem sei erwähnt, dass die Suche nach einem unverarbeiteten Affekt gewissermaßen retroaktiv erfolgt. Wie beim Trauma lässt sich der unverarbeitete Affekt nur aus der Gegenwart heraus identifizieren. Wir müssen demnach nach Dynamiken suchen, die versuchen, diesen Affekt abzureagieren. Erst dadurch lässt sich der unverarbeitete Affekt identifizieren. Die hysterischen Symptome sind gewissermaßen der fehlgeleitete Versuch, diesen Affekt abzureagieren. Dies arbeitet Freud zwar erst später im Zuge des Wiederholungszwangs heraus, deutet es aber bereits in den Studien an.
Drei Orte lassen sich identifizieren, an denen der unverarbeitete Affekt zutage tritt: Kassandras Argumentation, der Trauerprozess innerhalb der Tragödie und die Prämisse der Tragödie selbst. Beginnen wir mit dem ersten.
Erster Ort: Kassandras Argumentation
Wie bereits im Primer-Beitrag erwähnt, weist der Auftritt der Kassandra einen ekstatischen und einen argumentativen Teil auf. Über den argumentativen Teil können wir eine erste Annäherung an das Konzept eines unverarbeiteten Affekts wagen. Wie wir bereits wissen, versucht Kassandra ihrer Mutter zu erklären, dass die Trojaner die eigentlichen Sieger des Krieges sind. Doch wieso versucht sie das überhaupt? Hier möchte ich im Sinne der “adäquaten Reaktion” argumentieren. Ein Blick in die Tragödie.
Bereits von der Struktur der Tragödie aus betrachtet, ist die Positionierung des Auftritts der Kassandra interessant. Nachdem Hekabe den Chor erfolgreich dazu animiert, gemeinsam ein Trauerlied auf das zerstörte Troja anzustimmen, verstummt es erst als Talthybios die Bühne betritt und Hekabe über das Schicksal der Frauen informiert. In diesen Moment voller Trauer, Angst und schicksalhafter Ergebenheit tritt plötzlich Kassandra mit ihrem Hochzeitslied. Über den Inhalt ist bereits genug gesagt. Nach diesem Hochzeitlied beginnt der argumentative Teil ihrer Rede (365) und von außen gesehen gibt es genügend Gründe, warum sie diese Argumentation überhaupt anführt. Dramaturgisch gesehen betont Euripides hier die Verrücktheit – in den Augen von Hekabe und Talthybios – von Kassandra. Der Zuschauer weiß, dass ihre Argumentation zwar fehl am Platz ist, im Kern aber dennoch eine Wahrheit enthält. Viele weitere dramaturgische Gründe lassen sich finden. Doch gibt es Gründe, die innerhalb der Tragödie liegen?
Ja, diese gibt es und Kassandra selbst erzählt uns von ihnen. Ihre Argumentation schließt sie folgendermaßen ab:
Deshalb darfst du nicht jammern um die Heimat, Mutter,
und nicht um meine Hochzeit. Jene, die am meisten
ich hasse, soll durch meine Ehe ich vernichten. (403-5)
Genau an dieser Stelle tritt das Konzept einer “adäquaten Reaktion” zutage. Kassandra argumentiert zugunsten der Trojaner, weil sie die Reaktion ihrer Mutter für unangebracht hält. In den Augen von Kassandra besteht überhaupt kein Grund zu trauern, da sich das Schicksal der Griechen wenden wird. Es steht natürlich auf einem anderen Blatt, dass diese Tatsache Hekabe nicht zugänglich ist und sie ihre Tochter deshalb für verrückt hält. Doch aus der Perspektive von Kassandra heraus betrachtet, ist die angebrachte Reaktion auf das Trauma (die Zerstörung Trojas) nicht Trauer sondern Freude. Über diese Perspektive kann der “unverarbeitete Affekt” leicht tangiert werden. Im Auftritt der Kassandra existiert eine Dimension, die versucht, eine adäquate Reaktion auf das Erlebte zu finden. Interessanterweise existiert diese Dimension auch in den Deutungen ihres Auftrittes. Man achte auf die Wortwahl von Brillet-Dubois, der über den Auftritt der Kassandra schreibt:
As we saw earlier in the prologue, the old queen successfully took the lead of the lamenting chorus; but because Cassandra deems inappropriate the songs of sorrow with which she responds to the situation, she attempts to replace her mother’s cries of pain with cries of joy […].5
Natürlich wird hier das Freud’sche Konzept eines unverarbeiteten Affekts nicht vollends getroffen, es wird sogar nur leicht berührt. Dennoch fand ich dieses Detail erwähnenswert, da im Zentrum des “Konfliktes” zwischen Kassandra und Hekabe die Angemessenheit der Reaktion auf ein (traumatisches) Erlebnis steht. Nun zum zweiten Ort der Suche.
Zweiter Ort: Trauer als Reaktion?
Bevor ich zum zentralen Punkt dieses Beitrags komme, sei auf ein weiteres Detail verwiesen, welches ebenfalls den Begriff einer angemessenen Reaktion tangiert: die Trauer. Dieser Begriff hat eine weitreichende Geschichte in der Psychologie und hat unzählige Theorien zutage gebracht, von S. Freuds Gegensatz zwischen Trauer und Melancholie, über die heutzutage sehr populäre (und missverstandene) Bindungstheorie John Bowlbys und Mary Ainsworths bis hin zu den allseits bekannten (und umstrittenen!) fünf Phasen der Trauer nach Kübler-Ross. Obwohl die Theorien und Modelle teils aus verschiedenen Schulen stammen, überschneiden sie sich in einigen Aspekten. Als Laie wirkt der Berg an unterschiedlichen Theorien kaum überwindbar. Glücklicherweise bin ich im Zuge der Recherche für diesen Beitrag auf einen Aufsatz gestoßen, der den Begriff der Trauer nicht aus psychologischer Sicht, sondern aus philologischer Sicht beleuchtet. Nun sei gewagt, die Erkenntnisse dieses Aufsatzes mit dem Konzept der angemessenen Reaktion zu verbinden.
Der Aufsatz von Ann Suter basiert auf einer unveröffentlichten Dissertation von Elinor Wright, in der sie objektive Kriterien der Trauer in der griechischen Tragödie festhält. Diese Kriterien sind textueller und philologischer Natur: es handelt sich um bestimmte Stilmittel, Themen und metrische Muster, die immer wieder in Trauerpassagen auftauchen. Ann Suter wendet diese Kriterien auf Die Troerinnen an und kommt zum Schluss, dass nahezu jede Szene in der Tragödie Elemente einer Trauerpassage aufweist. So viel zu einer knappen Inhaltsangabe, die der Tiefe dieses Aufsatzes aber nicht gerecht wird. Eine Lektüre des Textes ist streng empfohlen. Ich möchte im Folgenden einige Passagen herausgreifen und illustrieren, dass sie mit dem Thema dieses Beitrages verknüpft werden können.
So nennt Suter einige zentrale topoi von Trauerpassagen. Dazu gehören der Ausdruck von Trauer und Verlust, der Kontrast zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Lob für den Verstorbenen, Wut auf den Verstorbenen und – für uns relevant – das Verlangen nach Rache gegenüber den Verantwortlichen des Todes.6 Hier deutet sich bereits die von Freud erwähnte “kathartische Wirkung” einer adäquaten Reaktion an. Deutlicher wird dies später im Text:
Reconciliation may require various things, depending on the circumstances of the death: accceptance, forgiveness, vengeance. The contradictory purposes that sometimes emerge from the twin impulses to reconciliation and to revenge are a part of many laments.7
Nicht nur ist die Rache oder Vergeltung ein Teil von Trauer, sondern scheint sich das antike Drama über Widersprüchlichkeit zwischen Versöhnung und Rache im Klaren zu sein. Hiermit möchte ich illustrieren: Wenn wir davon ausgehen, dass die Tragödie – basierend auf einem Korpus an Merkmalen – zum großen Teil aus Trauerpassagen besteht (hierfür liefert Suter sehr gute Beweise), so schwingt das Konzept einer angemessenen Reaktion stets in der Tragödie mit. Zwar liefert Kassandra selbst keine explizite Trauerpassage, doch auch sie fängt Merkmale ein:
At 443 Cassandra changes suddenly into trochaic tetrameter, with an increase in emotional intensity as she delivers her strange prophecy about Odysseus, and recalls her impending death in a then/now description (446-50). This change parallels the progression that we find in full laments from an iambic meter to another meter, with the same heightening of emotion.8
Dadurch, dass Kassandra in diesen gesamtheitlichen Trauerprozess eingebettet ist und ihn teilweise auch selbst tangiert, fängt Euripides indirekt auch die Frage nach einer angemessenen Reaktion mit ein. Auch zeigt uns dies, dass Trauer selbst eine angemessene Reaktion ist und sein kann. Daran knüpfen sich dann weitere Fragen an: Was möchte Euripides uns damit sagen? Ist die Trauer eine angemessene Reaktion auf das Geschehene? Oder das, was Kassandra macht? Uns hat dieser Exkurs in die Trauer gezeigt, dass sich sowohl in der Hysterie, als auch in der Trauer ein unverarbeiteter Affekt verbirgt. Bei beiden geht es um die angemessene Verarbeitung.
Dritter Ort: Der Frevel und seine Bestrafung
Nun zum zentralen Punkt dieses Beitrages. Meiner Meinung nach ist die gesamte Konzeption der Tragödie mit der Frage nach der angemessenen Reaktion verbunden. Vielmehr stellt die Tragödie eben genau diese Frage: Was ist angemessen? Trauer? Wut? Resignation? Die Prämisse und damit auch die “Handlung” der Tragödie basiert auf dieser Frage. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, ist kein großartiger Deutungsakt vonnöten, die Antwort liefert Athene uns wörtlich in Zeile 71.
Athene: Du weißt doch, daß man mich entweiht und meine Tempel?
Poseidon: Ich weiß – als Aias mit Gewalt Kassandra fortriß.
Athene: Und ungestraft, ja ungerügt von den Achaiern! (69-71)
Das ist der Punkt, den Athene macht. Es ist weniger die Tat selbst, die bestraft werden soll. Es ist die ausgebliebene Reaktion der Griechen auf diese Tat. Und wer soll diese ausgebliebene Reaktion nun liefern? Kassandra.
Bleibt der Affekt im Moment der Vergewaltigung unterdrückt, so tritt er durch den Auftritt von Kassandra an die Oberfläche. Ihr einziges Ziel ist die Zerstörung der Griechen, hervorgebracht durch die Heirat mit Agamemnon. Genau diese Zerstörung ist etwas, das als angemessene Reaktion interpretiert werden kann, da es den göttlichen Plan in Bewegung setzt. Technisch gesehen lagert Euripides zwar die ausgebliebene Reaktion auf die Griechen aus und lässt sie nicht innerhalb der Figur der Kassandra verweilen, doch bleibt sie eng verbunden mit ihrer Person.
Psychoanalytisch gesehen besteht der Sinn der Tragödie darin, eine adäquate Reaktion auf das Trauma zu überbringen bzw. zu finden. Während die anderen Figuren es nicht vermögen, diese Reaktion zu überbringen, ist Kassandra diejenige, die mit aller Intensität versucht, den unverarbeiteten Affekt zu verarbeiten. Als Reaktion auf den Frevel im Heiligtum der Athene kann nur der Untergang der Griechen adäquat genug sein. Euripides wählt interessanterweise Kassandra aus, um diese psychologische Nuance einzufangen.
Fazit
Unsere Suche hat ergeben, dass die Frage nach einer angemessenen Reaktion tief mit der Tragödie verknüpft ist. Der Auftritt der Kassandra ist durchzogen von Versuchen, eine adäquate Reaktion auf das Erlebte zu finden. Ihre Argumentation lehnt die Trauer von Hekabe ab und fordert Freude. Doch die eigentliche Reaktion liegt tiefer: in der Zerstörung der Griechen, die für Aias’ Frevel nie bestraft wurden. Kassandra wird zum Werkzeug dieser Reaktion.
Die gesamte Tragödie kreist um diese Frage: Was ist die angemessene Reaktion auf das Trauma? Euripides bietet Trauer (Hekabe, Chor), Rache (Athene, Kassandra) und auch Resignation (Andromache) – lässt aber offen, welche wirklich adäquat ist. Die Beurteilung der Adäquatheit war nicht Ziel dieses Beitrages. Darüber kann sich der Zuschauer ein eigenes Bild machen. Dieser Beitrag zeigte lediglich, dass es genau diese Frage ist, die im Kern von Die Troerinnen steckt.
Kassandras paradoxe Freude als Form der Rache – ist dies eine psychologisch schlüssige Abreaktion oder eine rein literarische Übersteigerung durch Euripides? Mich interessiert Ihre Einschätzung: Kann ein Affekt jemals wirklich “angemessen” sein, wenn das zugrunde liegende Ereignis jede Norm sprengt?
Kassandra in Die Troerinnen – Ein Anfall der Hysterie?
Dieser Beitrag ist Teil meiner sechsteiligen Serie über den Auftritt der Kassandra in Euripides’ Die Troerinnen:
- Teil 0 (Primer): Warum tanzt Kassandra?
- Teil 1: Das Trauma der Kassandra
- Teil 2: Der unverarbeitete Affekt [Sie sind hier]
- Teil 3: Die körperlichen Symptome
- Teil 4: Das Gebiet des sexuellen Erlebens
- Teil 5: Schlussfolgerung
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- Freud, Sigmund: Studien über Hysterie, in: Freud, Anna (Hg.): Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Erster Band, Werke aus den Jahren 1892-1899, Frankfurt 1999, S.76-312, hier: S.85.
- Freud, S.: Studien über Hysterie, S. 87.
- Freud, S.: Studien über Hysterie, S.87.
- Freud, S.: Studien über Hysterie, S. 87.
- Brillet-Dubois, Pascale: A Competition of ‘choregoi’ in Euripides ‘Trojan Women.’ Dramatic Structure and Intertextuality, in: Lexis, poetica, retorica e comuniaczione della tradizione classica, Band 33 (2015), S. 168-180, hier: S. 176.
- Suter, Ann: Lament in Euripides’ Trojan Women, in: Mnemosyne, Band 56, Heft 1 (2003), S. 1 -18, hier: S. 3.
- Suter, Ann: Lament, S. 11.
- Suter, Ann: Lament, S. 9.