Warum tanzt Kassandra? Ihr außergewöhnlicher Auftritt in Euripides’ Die Troerinnen

“Kassandra stürmt heran im Taumel ihres Schmerzes” (307)1 – Mit diesen Worten kündigt Hekabe den Auftritt der Kassandra in Euripides’ Die Troerinnen an. Über diesen Auftritt kann sehr viel geschrieben werden. Um ihn aus einer psychoanalytischen Perspektive zu betrachten, lautet die erste Frage: Was macht ihn so besonders?

Eine Tragödie ohne Handlung

Bevor die Besonderheit ihres Auftritts diskutiert werden kann, ist ein zentrales Merkmal der Tragödie zu nennen. Die Troerinnen handelt von den vier Frauen Hekabe, Kassandra, Andromache und Helena, allesamt gefangen und ihr Schicksal erwartend. Doch fehlt der Tragödie eine klassische Handlung. Vielmehr handelt es sich bei der Tragödie um eine beinahe in Echtzeit angelegte Abfolge von Szenen, einzig verbunden durch die Figuren der Hekabe und Talthybios. Auch der Fokus auf nur einen Schauplatz – das Lager vor den Mauern des zerstörten Trojas – erwecken den Eindruck, dass die Tragödie sowohl zeitlich als auch räumlich sehr verdichtet ist. Mir fielen bereits beim ersten Lesen Parallelen zum Film Dog Day Afternoon von Sidney Lumet auf. In diesem sehenswerten Klassiker rauben Al Pacino und John Cazale eine Bank aus. Lumet inszeniert den zwölf Stunden dauernden Überfall in einer sehr verdichteten Art und Weise, wodurch der Eindruck entsteht, der Zuschauer wäre jede Minute des Überfalls dabei. Einen ähnlichen Effekt beobachtete ich bei Die Troerinnen. Dennoch existiert eine Prämisse, unter der sich die Handlung der Tragödie vollzieht. Im Prolog sprechen Athene und Poseidon zueinander und einigen sich darauf, die Griechen für ihre Frevel zu bestrafen. Das Stück endet mit der Abfahrt der Griechen, ohne den für Euripides typischen deus ex machina. Götter haben nach dem Prolog keinen Auftritt mehr. Innerhalb dieser Konstruktion nimmt der Auftritt der Kassandra einen besonderen Platz ein.

Ekstase statt Trauer

Kassandras Verhalten unterscheidet sich grundlegend von dem der Hekabe, Andromache und Helena. Inbrünstig verleiht sie ihren Gefühlen Ausdruck, wirkt nicht gelähmt, apathisch und trauernd wie die anderen Besiegten. Besonders ihr Realitätsverlust fällt auf. Ihre Worte wirken fehl am Platz. Auch für die “Handlung” der Tragödie spielt Kassandra eine wichtige Rolle. Es war die Vergewaltigung der Kassandra durch Aias, die Athene unter anderem als Grund anführt, die Griechen zu bestrafen (69-70). Diese Bestrafung der Griechen bildet die Prämisse der Tragödie, auch wenn sie außerhalb der Grenzen des Stücks liegt. Der offensichtliche Gegensatz zwischen ihrer Glückseligkeit und Ekstase und der tatsächlichen Situation, in der sie sich befindet, deutet auf einen “veränderten Geisteszustand” hin.

Das Vokabular ihres Auftritts

Einen ersten Hinweis auf eine mögliche Verbindung zwischen der Psychoanalyse und dem Auftritt der Kassandra geben Hekabe, Talthybios und der Chor selbst. Sie verwenden ein Vokabular, das wortwörtlich mit einem veränderten Geisteszustand konnotiert ist. Wie eingangs erwähnt, verwendet Hekabe in Zeile 307 das Wort μαινάς. Ebener übersetzt die beiden Zeilen mit: “Nein doch, sie legen Feuer nicht. Nur meine Tochter / Kassandra stürmt heran im Taumel ihres Schmerzes” (306-7). Dasselbe Wort verwendet Talthybios in Zeile 415: “[…] ganz besondre Neigung / zu dieser Rasenden gefaßt.” Schließlich verwendet der Chor das Wort βακχεύουσαν in Zeile 341 (“wahnbetört”) und auch Talthybios greift dieses Wort erneut auf: “Wenn dir Apollon nicht Verstand und Einsicht trübte” (408). Ein Blick in englische Übersetzungen zeichnet ein ähnliches Bild. Hier finden sich Worte wie “mad”, “frenzied” oder auch “raving” wieder. Die Figuren, die sich um Kassandra herum befinden, bezeichnen sie als verrückt und tun ihre Worte als wirres Gerede ab. Dabei verkennen sie, dass die von Kassandra getroffene Vorhersage der Zerstörung der Griechen auf ihrem Heimweg tatsächlich eintreffen wird. Es wird aus dem Text selbst heraus deutlich, dass Kassandra eine auffällige Episode erlebt. Freilich reicht dieser Aspekt bereits aus, um eine psychoanalytische Deutung anzustrengen. Doch sind zwei zentrale Merkmale ihres Auftritts zu nennen, die von hoher Relevanz für eine psychoanalytische Deutung sind.

Die Überbrückung der Zeit

Das erste Merkmal betrifft Kassandras Position bezogen auf die Dimension der Zeit. Kassandra ist die einzige Person, die es vermag, Anfang und Ende der Tragödie miteinander zu verbinden. Thalia Papadopoulou beschreibt in ihrem Aufsatz die Funktion der Zeit:

“This scene introduces the three prevailing time levels: the present, which constitutes a series of images of defeat and grief, the glorious Trojan past (45) and the future, which will reverse the conditions by destroying the Greeks (65-66, 75, 80-81, 87)”2.

Die Figuren der Tragödie nehmen demnach verschiedene Attitüden bezogen auf diese Dimensionen ein. Hekabe z.B. versucht sich der Gegenwart durch die Flucht in die Vergangenheit zu entziehen, ein Mechanismus der sich sehr gut psychologisch untersuchen lässt. Für die Griechen ist die Zukunft nicht mit Hoffnungslosigkeit verbunden, sondern mit Zuversicht. Jedoch erkennt keine Figur, bis auf eine, den göttlichen Plan, der bereits im Prolog installiert wurde. Diese Person ist Kassandra:

“The only person to cause a breach in this ignorance is Cassandra, who, relying on her foreknowledge, adopts a totally different attitude to time, thus constituting a contrasting figure in the play.”3.

Besonders an Kassandra ist demnach ihre Einstellung gegenüber der Zukunft. Da sie den göttlichen Plan kennt und ihn sogar voraussagt, kann sie der Zukunft, im Gegensatz zu den anderen Figuren, mit Optimismus und Glückseligkeit entgegenblicken. So freut sie sich auf die Vermählung mit Agamemnon, da sie weiß, dass dies den Untergang der Griechen besiegeln wird. Sie tanzt, sie ist euphorisch, nicht weil sie verrückt ist, sondern weil sie weiß, was hors-de-scène passieren wird. Natürlich gehört es zu ihrer mythologischen Konzeption, dass ihrer Weissagung kein Glaube geschenkt wird. So ist es keine Überraschung, dass Hekabe und Talthybios sie als “wahnhaft” bezeichnen. Verbunden mit dem Prolog, überschreitet Kassandra die zeitliche und räumliche Dimension. Sie verbindet Gegenwart und Zukunft und die göttliche und die menschliche Sphäre:

“At the end of the play, Euripides will need no deus ex machina. The combination of these two scenes is so powerful and effective that the echo of their implacable truth threateningly hangs over the departure-scene at the end.”4

Ekstase und Rationalität

Das zweite Merkmal betrifft die Struktur ihres Auftrittes. Der Auftritt der Kassandra kann in einen ekstatischen (308-340) und einen rational-argumentativen (353-461) Teil aufgeteilt werden. Nachdem Kassandra fackelschwingend aus dem Zelt stürmt, stimmt sie ein an Hymenaios adressiertes Hochzeitslied an. Dieses Lied, genau wie der gesamte Auftritt der Kassandra, steckt voller Mehrdeutigkeiten und Widersprüche. In der Form eines Hochzeitsliedes besingt Kassandra, auf fast schon parodistische und ironische Weise, den Untergang ihres zukünftigen Ehemannes:

“Cassandra’s hymn to Hymenaios is an ironic parody of the songs of this kind, in which ritual is totally distorted. It is a marriage song to Hymenaios, but through multiple connotations it turns into an exhilirated and fervent hymn to Death and the power of certain revenge.”5

Durch ihr Lied verknüpft Kassandra Tod und Heirat untrennbar miteinander. Doch geht diese Ambiguität über den Widerspruch zwischen Form und Inhalt hinaus. Besonders die Makarismen sind dabei auffällig, die sowohl in Hochzeitsliedern als auch für die Todgeweihten verwendet werden. Es sei auf den bereits zitierten Aufsatz von Papadopoulou verwiesen, in dem diese Doppeldeutigkeit eingehend und detailliert analysiert wird. Es ist demnach festzuhalten, dass im Hochzeitslied der Kassandra eine elementare Doppeldeutigkeit existent ist: auf der einen Seite steht Vermählung (und demnach Prokreation), auf der anderen Seite steht der Tod.

Weist das Hochzeitslied eine Mehrdeutigkeit auf, so folgt darauf die tragische Ironie. Im argumentativen Teil ihres Auftritts versucht sie mit größter Anstrengung die Rolle von Sieger und Besiegtem umzukehren. Im Hochzeitslied angedeutet, im argumentativen Teil explizit ausgedrückt, wird klar, dass sie Trojas Glanz für immerwährend hält. Die eigentlichen Sieger des Krieges sind die Trojaner, die sich ehrenhaft auf heimischem Boden aufgeopfert haben. Doch verkennt sie dabei die Gegenwart: Troja steht in Flammen und sie segelt ihrem eigenen Tod entgegen. Ihr Optimismus ist dabei kein Hirngespinst, sondern ein Produkt ihres Vorwissens. Hier tritt die psychologisch tiefgründige Konzeption ihrer Figur zutage. Sie kann die Zukunft, bedingt durch ihr Vorwissen, fassen und ihr ohne Furcht entgegenblicken. Dabei weigert sie sich, die Gegenwart wahrzuhaben, die ständig ihren Optimismus durchstößt:

“Even her revenge on the Atridae, which seems to be her only reason to live, will not resuscitate Troy. Cassandra knows this fact but refuses to admit it.”6

Hekabe stattdessen, kann zwar die Gegenwart wahrhaben – auch wenn sie mit aller Kraft versucht ihr zu entfliehen – doch ist sie unwissend über die Zukunft. Der entscheidende Unterschied ist dabei, dass Hekabe die Zukunft nicht wissen kann, während Kassandra die Gegenwart nicht wissen will. Es zeigt sich, dass ein psychologischer Mechanismus am Werk zu sein scheint.

Was macht ihren Auftritt so besonders?

Zusammenfassend machen den Auftritt der Kassandra unter anderem die folgenden Merkmale besonders: Ihr Umwelt deutet auf einen veränderten Geisteszustand hin, sie vermag es zeitliche Dimensionen zu überbrücken, ihre Sprache steckt voller Ambiguität und sie verkennt ihre gegenwärtige Situation. Basierend auf diesen Merkmalen möchte ich nun meine erste Serie auf diesem Blog beginnen und untersuchen, ob Kassandra hysterische Mechanismen abbildet. Besonders das Überbrücken von verschiedenen zeitlichen Dimensionen ist, in den Ausführungen von Sigmund Freud, ein zentrales Element und bietet einen Verbindungspunkt zwischen Tragödie und Psychoanalyse.

Der Vergleich zwischen Euripides und Lumets Zeitverdichtung mag im ersten Moment gewagt erscheinen. Doch lässt sich die Dynamik einer antiken Tragödie heute überhaupt noch ohne moderne Referenzrahmen greifen? Ich lade Sie ein, Ihre Gedanken zu dieser Art der Kontextualisierung zu teilen.


Ist Kassandra hysterisch?

Diese Serie, bestehend aus sechs Teilen, stellt den Versuch dar, den Auftritt der Kassandra in Die Troerinnen mit dem Konzept der Hysterie nach Sigmund Freud zu verbinden. Ziel wird nicht sein, Kassandra definitiv als “hysterisch” zu bezeichnen und ihr dies zu attestieren. Vielmehr bin ich darauf bedacht, hysterische Elemente in ihrem Auftritt zu identifizieren. Die Ausführungen Freuds zur Hysterie finden in einigen Aspekten der Tragödie eine Entsprechung, die ich im Folgenden beleuchten werde.

Bevor dies jedoch erfolgen kann, seien einige Disclaimer vorangestellt. Diese Serie bezieht sich auf die Ausführungen von Sigmund Freud und Josef Breuer in beiden Texten Studien zur Hysterie und Zur Ätiologie der Hysterie. Mir ist bewusst, dass sich S. Freud später von der in diesen Texten aufgestellten Verführungstheorie abwandte und die Theorie der infantilen Sexualität aufstellte und weiter verfolgte. Dass die (vermeintlichen) Gründe für diesen Paradigmenwechsel in einigen Kreisen stark kritisiert werden, sei an dieser Stelle ebenfalls erwähnt. Auf diese Gründe, die teilweise ihren Weg in die einschlägigen sozialen Medien gefunden haben, werde ich in einem separaten Beitrag eingehen und sie einer historischen Belastungsprobe unterziehen. Zurück zur Kassandra: Mich sprechen diese beiden Texte zur Hysterie sehr an, da sie sehr klar und empirisch hergeleitet sind. Wirken einige Texte oder Konzepte von Freud abstrakt und nicht direkt “greifbar” (oder erst auf den zweiten Blick verständlich), so ist das frühe Konzept der Hysterie empirisch fundiert.

Der Aufbau dieser Serie orientiert sich an den verschiedenen Bestandteilen einer Hysterie, die ich aus der Lektüre der Texte abstrahiert habe. Natürlich kann eine Hysterie nicht in ihre Einzelteile gelegt werden, da keines der Merkmale alleine steht. Dass diese Krankheit, wie auch jede andere, aus einer Kombination von Symptom und Ätiologie besteht, ist klar. Doch sollen einige Kernaspekte für meine Zwecke als eine Art Orientierungshilfe dienen. Dabei handelt es sich um die folgenden Aspekte, denen ich jeweils einen Beitrag widmen werde.

  1. Das der Hysterie zugrundliegende psychische Trauma und dessen Reproduktion
  2. Der unverarbeitete Affekt
  3. Die körperlichen Symptome
  4. Das Gebiet des sexuellen Erlebens

Es sind besonders diese vier Merkmale, die sich im Auftritt der Kassandra (und darüber hinaus) widerspiegeln und ihn deshalb so interessant machen. Der fünfte Beitrag behandelt eine Schlussfolgerung der Analyseergebnisse.


Bildnachweis: Kassandra am Xoanon, Fresko aus dem Atrium im Haus des Menander (Pompeji). Foto: WolfgangRieger / Wikimedia Commons, Public Domain.


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  1. alle Zeilenangaben und Übersetzungen zu Die Troerinnen aus:Euripides: Tragödien 5. Die Troerinnen, Die Phoinikerinnen, Orestes, übers. von Dietrich Ebener, Berlin 1979.
  2. Papadopoulou, Thalia: Cassandra’s Radiant Vigour and the Ironic Optimism of Euripides “Troades”, in: Mnemosyne, Band 53, Heft 5 (2000), S. 513-527, hier: S.513-4.
  3. Papadopoulou: Radiant Vigour, S. 515.
  4. Papadopoulou: Radiant Vigour, S. 515.
  5. Papadopoulou: Radiant Vigour, S. 520.
  6. Papadopoulou: Radiant Vigour, S. 526.

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