Ist Kassandra hysterisch? (5/5) – Resümee

Hinter uns liegen vier Stationen einer gründlichen Spurensuche. Wir haben sowohl den Auftritt als auch den Mythos der Kassandra beleuchtet und uns auf die Suche nach hysterischen Mechanismen begeben. Dabei sind wir zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen: Während einige Mechanismen klar erkennbar waren, mussten wir bei anderen Abstriche machen. In diesem finalen Beitrag dieser Serie versuchen wir, die Fäden zusammenzuführen und zu einer Schlussfolgerung zu kommen. Was ergibt das Gesamtbild? Ist Kassandra nun hysterisch oder ist bei diesem Begriff Vorsicht geboten?

Kurzer Rückblick

Führen wir uns im Kurzdurchlauf nochmals die Befunde dieser Serie vor Augen.

Unsere Suche begann in der Gegenwart. Wir haben gesehen, dass das Hochzeitlied und das Vokabular von Kassandra kein Zufall ist und eine tiefergehende Bedeutung hat. Vielmehr transportiert sie dadurch ein Ereignis aus der Vergangenheit in die Gegenwart der Tragödie. Betrachtet man die Wortwahl und die inhärente Doppeldeutigkeit ihres Hochzeitsliedes, so kann man durchaus festhalten, dass es sich dabei um ein sprachliches Fossil einer gewaltsamen Erfahrung handelt: der Vergewaltigung im Tempel der Athene.

Im zweiten Teil stand der unverarbeitete Affekt im Mittelpunkt. Wie uns Athene mitteilt, blieb der Frevel im Tempel der Athene ungesühnt. Diese ausgebliebene Reaktion kann als Dreh- und Angelpunkt der gesamten Tragödie gedeutet werden. Hinter vielen Aspekten der Tragödie steckt die Frage nach der angemessenen Reaktion auf das Erlebte, sei es in Kassandras Argumentation oder der ausgebliebenen Trauer. In unserer Lesart ist ihre paradox anmutende Freude eine mögliche Antwort auf diese Frage. Doch auch ohne Antwort auf die Frage, bleibt die Beobachtung, dass Die Troerinnen eine ausgebliebene Reaktion auf ein gewaltsames Ereignis thematisiert.

Im dritten Teil betraten wir das dünne Eis der Körperlichkeit. Wir haben die wenigen Anhaltspunkte der körperlichen Dimension von Kassandras Auftritt näher beleuchtet und konnten ein agitiertes Bild von Kassandra zeichnen. Über diese Agitation konnten wir – basierend auf Freuds Ausführungen zu “motorischen Phänomenen” – eine Verbindung zum in Teil 1 identifizierten traumatischen Erlebnis herstellen. In gewisser Weise vollzieht Kassandra einen Wandel von Passivität in Aktivität, ähnlich wie Freud die körperlichen Symptome als Reaktionsform auf das ursprüngliche Trauma beschreibt.

Im letzten Teil schließlich haben wir das Gebiet des sexuellen Erlebens betreten. Es wurde deutlich, dass dieses Gebiet nicht bloß ein Teilaspekt ihrer Figur ist, sondern ihre gesamte Existenz und ihre Gabe als Seherin ontologisch begründet. Das traumatische sexuelle Erleben bildet das Fundament ihres Leidens. Eine ähnliche Ontologie findet sich in der Hysterie. Auch hier ist es das sexuelle Erleben, das im Kern der hysterischen Symptome steckt.

Synthese

Wie lassen sich diese Ergebnisse nun zusammenführen? Ehrlicherweise ist die Antwort auf diese Frage sehr schwierig. Und ohne nach Ausreden suchen zu wollen, war es auch nicht Ziel dieser Serie, Kassandra eine Hysterie zu attestieren d.h. eine gesamtheitliche Antwort zu finden. Vielmehr wollte ich einzelne Aspekte beleuchten und in ihnen nach hysterischen Mechanismen suchen. Dennoch möchte ich das gesamtheitliche Bild der Befunde kurz aus meiner Perspektive beschreiben.

Zunächst möchte ich betonen, dass sowohl im Auftritt, als auch im Mythos/Konzeption der Kassandra hysterische Mechanismen identifiziert werden können. Diese Serie hat hierzu viel Material geliefert und viele Aspekte beleuchtet. Auch wenn ich diese Serie in verschiedene hysterische Mechanismen unterteilt habe, ist (hoffentlich) am Ende dieser Serie erkennbar, dass diese Mechanismen stets simultan auftreten. Im Trauma steckt das sexuelle Erleben, im unterdrückten Affekt das Trauma usw.. Diese Trennung war demnach nur ein analytisches Hilfsmittel. Ich habe – vergeblich – eine bildliche Analogie gesucht, mit der ich die Verhältnisse dieser Mechanismen zueinander beschreiben könnte. Allerdings verließ mich meine Imagination. Aus diesem Grund möchte ich die bildliche Vorstellung jedem selbst überlassen, während ich versuche, die Gleichzeitigkeit dieser Mechanismen zu erklären.

Ich möchte die verschiedenen Mechanismen als geschlossenes System beschreiben, in dem Interdependenz und Simultanität vorherrschen. Versuche ich diese Mechanismen/Elemente zu verorten, so komme ich zu folgendem Ergebnis: Die sexuelle Ontologie ist die Basis dieses Systems. Sie ist die Grundbedingung der Figur Kassandra und status quo, aus dem die anderen Phänomene/Mechanismen erst entstehen. Ohne diese Basis – das “sexuelle Erleben” in den Worten Freuds – gibt es keine anderen Mechanismen. Man kann sich dieses Fundament – überspitzt gesagt – statisch vorstellen.

Ein weiterer Teil dieses Systems verbindet diese sexuelle Ontologie mit der Gegenwart. Primär meine ich damit den gestauten Affekt, der die innere Ursache mit der äußeren Erscheinung verbindet. Dieser Prozess ist dynamisch, es ist die energetische Spannung, die in diesem System vorherrscht.

Die beiden anderen Teile dieses Systems sind Sprache und Körper. Es sind die beiden Kanäle, über die dieses System kommuniziert. Sie manifestieren und entladen die im System herrschende Spannung. Jedes Element bedingt das andere. Die Sprache wird durch den Affekt verzerrt, der Körper durch die Sprache choreografiert, und beides ist nur vor dem Hintergrund der sexuelle Ontologie lesbar.

Wir haben es also nicht mit einer Liste an einzelnen Mechanismen zu tun, sondern mit einem totalen System, bei dem jeder Teilaspekt immer auch das Ganze repräsentiert. Diese Gleichzeitigkeit nehme ich aus den Analyseergebnissen mit. Bevor ich weiter in abstrakte Bilder abdrifte, mache ich hier einen Punkt.

Kommen wir nun zur Beantwortung der zentralen Frage dieser Serie. Ist Kassandra hysterisch?

Kassandra als Hysterikerin?

Meiner Meinung nach ist Kassandra weniger hysterisch, als dass sie hysterische Mechanismen in sich vereint. Das mag nun paradox wirken, aber ich versuche mal, meine Sichtweise zu begründen. Diese Serie hat gezeigt, dass im Auftritt und der Verbindung zum Mythos von Kassandra Dynamiken am Werk sind, die Freud so auch im Krankheitsbild/Ätiologie der Hysterie beschreibt. Es wäre demnach valide, zum Schluss zu kommen, dass Kassandra hysterisch ist. Immerhin gehören ja hysterische Mechanismen zu ihrer Figur.

Doch ich persönlich tue mich mit der körperlichen Dimension bzw. der Symptomatik sehr schwer. In gewisser Weise ist es mir gelungen, diese körperliche Dimension in ihrem Auftritt freizulegen oder auf eine andere Ebene umzudeuten. Lese ich mir aber die Texte von Freud zur Hysterie durch, merke ich schnell wie wichtig das körperliche Symptom innerhalb der Hysterie ist. Und das nicht nur wegen der Verbindung zum ursprünglichen Trauma. Besonders in den Fallbeispielen wird deutlich, wie auskunftsreich die Symptome bei den Patienten sind. Dieser Rolle kann die körperliche Dimension von Kassandra nicht gerecht werden. Ja, Kassandra zeigt uns eine Agitation doch ist das wirklich dasselbe wie die Tics von Frau Emmy v. N. oder der Geruchsverlust von Miss Lucy? Die körperliche Dimension ist in den Schriften von Freud (logischerweise) viel greifbarer, als in der Tragödie. Deshalb fehlt – meiner Meinung nach – das gewisse Etwas, wenn man versucht, Kassandra als Hysterikerin zu charakterisieren. Ich hoffe damit ist meine Zögerlichkeit halbwegs verständlich erklärt.

Das Theater ist nun mal keine Klinik und die Figuren keine Patienten. Das ist aber auch nicht weiter dramatisch. Nur selten weisen Figuren in den antiken Dramen handfeste Symptome auf, die auch ein moderner Arzt identifizieren könnte. Das sollte aber auch kein Anspruch einer psychoanalytischen Deutung sein. Für einen Begriff wie die Hysterie ist der Symptomatik eine große Wichtigkeit zuzuschreiben. Andere psychoanalytische Begriffe sind gelöster von der körperlichen Dimension. Es wird immer eine Herausforderung bleiben, die körperliche Symptomatik mit der psychoanalytischen Deutung von Dramen in Einklang zu bringen.

Trotzdem soll mein Fazit nicht missverstanden werden. Ich bin der Meinung, dass – von handfesten Symptomen abgesehen – Kassandra hysterische Mechanismen aufweist und ihre Figur diesen Komplex an Dynamiken nicht nur streift, sondern deutlich trifft. In und um Kassandra herum existieren Verbindungen, Bewegungen und Dynamiken, sie so auch in der Hysterie vorzufinden sind. In ihrem Auftritt spiegelt sich ihre Vergangenheit wider, ein unterdrückter Affekt durchdringt die gesamte Tragödie und das sexuelle Erleben ist untrennbar mit ihr verknüpft. All das inszeniert Euripides eindrucksvoll und trifft damit das von Freud Geschilderte. Kassandra ist mehr als ein Paradigma. In den Troerinnen ist sie eine psychologisch tiefgründige Figur, deren Mythos und Konzeption Euripides verstanden zu haben scheint. Diesem Verständnis werde ich einen eigenen Beitrag widmen. Es werden auch nicht meine letzten Gedanken zu den Figuren in Die Troerinnen sein.

Kassandra zeigt uns nicht das “Was” einer klinischen Diagnose, sondern das “Wie” einer traumatisierten Existenz und erweist sich damit als psychologisches Meisterwerk.


Kassandra in Die Troerinnen – Ein Anfall der Hysterie?

Dieser Beitrag ist Teil meiner sechsteiligen Serie über den Auftritt der Kassandra in Euripides’ Die Troerinnen:


Bildnachweis: Kassandra am Xoanon, Fresko aus dem Atrium im Haus des Menander (Pompeji). Foto: WolfgangRieger / Wikimedia Commons, Public Domain.


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