Ist Kassandra hysterisch? (1/5) – Das Trauma der Kassandra

Im Primer-Beitrag habe ich die Besonderheiten von Kassandras Auftritt in Die Troerinnen herausgearbeitet. Nun untersuche ich, ob dieser Auftritt Mechanismen der Freud’schen Hysterie abbildet. Der erste Schritt: das traumatische Erlebnis.

Grundlagenforschung

Sehr dankbar bin ich, aus moderner Sicht, Freud, da er relativ früh in seinen Studien zur Hysterie eine Definition des Traumas gibt. In einer Zeit, in der fast alles als “traumatisch” bezeichnet wird, ist es schwer, den Überblick zu behalten. Würde ich nur nach den modernen Klassifikationen der psychischen Krankheitsbilder gehen – über deren Sinn und Unsinn endlos lange diskutiert werden könnte – so müsste ich bei Kassandra Ausschau nach spezifischen Ereignissen halten: nach Krieg, (sexueller) Gewalt und anderen lebensbedrohlichen Gefahren. Interessanterweise (und für jeden Psychologen wahrscheinlich offensichtlich) gibt es in den Klassifikationen ja keine direkte Definition eines “Traumas”, sondern nur Definitionen der Krankheitsbilder in Verbindung mit einem Trauma. Aus einer freilich ungeschulten Perspektive taucht das Trauma nur in Verbindung mit einer Pathologie auf. Ein Ereignis ist nicht inhärent traumatisch. Um diese ermüdenden Diskussionen aber zu umschiffen, sei meine Vorgehensweise bezüglich dieser Frage kurz erklärt.

Aus den Studien über Hysterie können drei Bestandteile einer Hysterie abstrahiert werden. So besteht sie aus Symptomen in der Gegenwart, einem veranlassenden Ereignis in der Vergangenheit und einer Verbindung zwischen den beiden. Laut Freud leidet der Hysteriker also an Symptomen, die ihre Ursache in einem psychischen Trauma in der Vergangenheit haben. Symptom und Ursache stehen dabei in direkter oder symbolischer Beziehung zueinander. Ich möchte das Augenmerk auf diese Verbindung zwischen Symptom und Ursache lenken, da sie bei der Suche nach dem Trauma der Kassandra hilft. Entfernen wir das psychoanalytische Vokabular von dieser Beziehung, so bleibt die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ein vergangenes Ereignis strahlt in die Gegenwart. Daraus ergibt sich: Die Suche nach dem Trauma der Kassandra beginnt nicht in der Vergangenheit (dem Trauma), sondern in der Gegenwart (dem Symptom). Ganz in psychoanalytischer Manier gilt es zunächst, den Worten der Kassandra in den Troerinnen Gehör zu schenken, um anschließend der Frage nachzugehen, ob eine Verbindung zu ihrer Vergangenheit besteht.

Was sagt Kassandra?

Eine genaue Analyse ihrer (wenigen) Worte habe ich im vorangegangenen Beitrag bereits vorgenommen. Kassandra singt ein Hochzeitslied, welches besonders ein Merkmal vorweist: Ambiguität. Sie nimmt die Form eines Hochzeitsliedes und füllt es mit Inhalt über den Tod. Sie pervertiert die ursprüngliche Konnotation. Ein Lied über Vermählung und im weiteren Sinne sexuelle Vereinigung wird verbunden mit dem Tod. Diese Verbindung sei für später notiert.

Auch sei ihre Wortwahl erwähnt. Kassandra äußert Sätze wie:

  • “Geleite mich, und bin ich säumig, treibe mit / Gewalt mich!” (355-6)
  • “[…] und für ein Weib, / das sich sehr gern, und nicht gewaltsam!, rauben ließ.” (372-3)
  • “Meinen Leichnam auch, nackt hingeworfen […]” (448)
  • “Fort vom Leib mir, weggezerrt! Noch unbefleckt, will ich dir dies, / Herr der Seher, wiedergeben für der schnellen Lüfte Spiel.” (453-4)

Diese Sätze stammen aus verschiedenen Teilen ihres Auftritts und sind gewollt aus ihrem Kontext entfernt. Sie illustrieren das Folgende: Ständig benutzt Kassandra ein Vokabular, welches mit einem gewaltsamen Ortswechsel verbunden ist. Dieselben Verben – treiben, rauben, hinwerfen, wegzerren – würden verwendet werden, wenn jemand gezwungen wird, etwas zu tun. Dazu sei die sexuelle Konnotation von den Worten “unbefleckt” und “nackt” noch hinzugestellt. Es mag bisher sehr rätselhaft wirken, sich auf diese Wortwahl zu fixieren, doch hiermit sei versprochen, dass es später Sinn ergeben wird.

Auch der Inhalt ihrer Rede ist für die Frage nach dem Trauma der Kassandra von wichtiger Bedeutung. Mit ihrer flammenden Rede möchte Kassandra nur eine Sache: ihre Mutter davon überzeugen, dass die Trojaner nicht die Verlierer, sondern eigentlich die Gewinner sind. Diese Argumentation unterstützt sie durch die Weissagung des Schicksals der Griechen i.e. die Odyssee und durch Bezugnahme auf die Kämpfe um Troja. Ihr Argument ist demnach, dass die Trojaner die eigentlichen Gewinner sind, da sie auf heimischem Boden gestorben und sich heldenhaft geopfert haben, während die Griechen weit weg von ihren Familien begraben werden. Dass sie Bezug auf den Kampf um Troja nimmt, um zu beweisen, dass die Trojaner besser davongekommen sind, ist hiermit auch notiert. Hierzu tritt noch die Tatsache, dass sie mit einer Fackel aus dem Zelt heraustritt. Die Fackel trägt dabei eine Symbolik innerhalb der Tetralogie, die mit dem Trauma der Kassandra verbunden werden kann.

Diese Aspekte bilden das Inventar an gegenwärtigen “Symptomen”, die ich in ihrem Auftritt deute. Der nächste Schritt ist demnach, diese Symptome mit einem traumatischen Ereignis in der Vergangenheit in Verbindung zu bringen.

Was kommt infrage?

Sigmund Freud definiert das zugrundeliegende Trauma sehr breit:

Als solches kann jedes Erlebnis wirken, welches die peinlichen Affekte des Schreckens, der Angst der Scham, des psychischen Schmerzes hervorruft, und es hängt begreiflicherweise von der Empfindlichkeit des betroffenen Menschen (sowie von einer später zu erwähnenden Bedingung) ab, ob das Erlebnis als Trauma zur Geltung kommt.1

Meiner Meinung nach kommen zwei Ereignisse in Frage; nicht weil sie inhärent traumatisch sind, sondern weil sie sich klar im gegenwärtigen Auftritt der Kassandra widerspiegeln. Es handelt sich um die Vergewaltigung im Tempel der Athene und der Kampf um Troja. Diese beiden Ereignisse sind für die Zwecke dieser Analyse voneinander getrennt. In der Realität sind sie miteinander verbunden, da die Vergewaltigung während des Kampfes um Troja stattfand. Besonders die Vergewaltigung ist Dreh- und Angelpunkt der Troerinnen, da Athene sie als Grund für die Bestrafung der Griechen anführt. Bevor ich der Frage nachgehe, ob diese Ereignisse mit der Gegenwart verbunden werden können, sei eine andere Frage gestellt: Was schreibt die antike Literatur eigentlich über diese Ereignisse? Zeigt Kassandra in anderen Texten, “ob das Trauma zur Geltung kommt?”

Was sagt die antike Literatur?

Mitunter die bekanntesten Texte der Antike behandeln den Kampf um Troja und die Rolle der Kassandra während und nach den Kampfhandlungen. Doch nur eine kleine Auswahl beschreibt tatsächlich die Ereignisse innerhalb des Tempels. Die chronologisch früheste Erwähnung hat das Ereignis in der Iliupersis. Dieses Epos gehört zum sogenannten Epischen Zyklus und ist uns – bis auf ein Fragment im Umfang von acht Hexametern – nur über Inhaltsangaben in der Chrestomathie von Proklos und der Bibliotheke des Apollodor zugänglich. Wie der Name bereits sagt, behandelt das Epos die Zerstörung Trojas. Wer allerdings eine dramatische Schilderung der Ereignisse erwartet, wird enttäuscht werden. Da es sich um eine Zusammenfassung handelt, bleibt nur ein Satz übrig, der die Ereignisse im Tempel beschreibt:

“Ajax, the son of Ileus, in dragging Cassandra away by force, pulls Athena’s wooden statue along with her.”2

Ein ähnliches Bild ergibt sich in der Bibliotheke des Apollodor. Das überrascht nicht, da er die gleiche Quelle vorliegen hatte:

“Aias aber, der Lokrer, tut, obwohl er Kassandra um die Holzstatue der Athena geschlungen sieht, Gewalt an; deswegen blicke die Statue zum Himmel.”3

Eine dritte Erwähnung findet das Ereignis in den sogenannten Posthomerica des Quintus Smyrnaeus. Dieser im dritten Jahrhundert n. Chr. wirkende Dichter behandelte in diesem Werk ebenfalls den trojanischen Sagenkreis und schrieb zumindest mehr als einen Satz:

“[…] Not that even wise / Tritogenia herself was entirely without tears, when the mighty / son of Oïleus raped Cassandra inside her temple, his heart and / mind impaired by madness. She would later inflict on him terrible / misfortune as punishment for his shameful crime. As it was, she / did not actually see the disgraceful deed: in a sudden access of / modesty and anger she turned her grim gaze toward the high roof / of the temple as her sacred statue made a loud noise and the floor / of her temple shook. But even then he did not desist from his / foolish crime, because Cypris had impaired his mind. (420-429)4.

Zwar ist diese Beschreibung ausführlicher und gibt uns zumindest Anhaltspunkte, wie Kassandra sich in diesem Moment gefühlt hat, doch kann man basierend auf diesen Darstellungen nicht sagen, ob bei ihr dieses Erlebnis als Trauma zur Geltung kommt. Ja, man kann sich gut vorstellen, dass dieses Erlebnis traumatisch ist, doch die Texte selbst geben Kassandra keine Stimme. Erst Euripides (unter anderem) tut dies.

Was meint Kassandra?

In meinen Augen spiegeln die Worte der Kassandra ihre – bisher nicht genannten – Gefühle im Tempel der Athene wider. Es existiert eine Art Parallelismus. In ihrem Hochzeitslied verbindet Kassandra den Akt einer (sexuellen) Vereinigung mit dem Tod und pervertiert somit die eigentliche Bedeutung einer Vereinigung. Findet derselbe Prozess nicht bei einer Vergewaltigung statt? Auch hier wird der Akt der Vereinigung pervertiert und von seiner eigentlichen Bedeutung losgelöst. Der Ziel dieses Aktes ist nicht Prokreation oder Vermählung, sondern etwas anderes. Dass Kassandra demnach nach der Vergewaltigung die sexuelle Vereinigung mit dem Tod assoziiert und später in ihrem Auftritt diese Assoziation reproduziert ist dabei nicht weit hergeholt. Dies stellt die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart dar. Indem Kassandra in der Form eines Hochzeitsliedes den Tod besingt nimmt sie Bezug auf die Ereignisse im Tempel der Athene, da dort dieselbe Verbindung zwischen Vermählung und Tod existiert. Ihre Worte sind oberflächlich gesehen die Worte einer Verrückten. Doch bin ich der Überzeugung, dass Euripides diese Worte mit Bedacht gewählt hatte, weil er die mythologische Konzeption verstanden hatte. Diese Überzeugung werde ich an anderer Stelle ausführen.

Qualifiziert man die Vergewaltigung als das zugrundeliegende Trauma der Kassandra, so macht auch ihre Wortwahl Sinn. Das von ihre verwendete Vokabular spiegelt genauso wie das Hochzeitslied den Akt der Vergewaltigung wieder. Nur geschieht diesmal nicht auf symbolische bzw. abstrakte Weise, sondern auf wörtliche Weise. Sie verbindet erneut sexuelle konnotierte Worte (“unbefleckt” und “nackt”) mit einer spezifischen Kategorie an Verben (“hingeworfen” und “gezerrt”). Auch die anderen Worte beschwören das Bild einer gewaltsamen Erfahrung herauf. Der Inhalt ihrer Rede ist gespickt mit Worten, die eine zwanghafte Anwendung von Gewalt repräsentieren.

Auch auf den Kampf um Troja, der auch als mögliches Trauma in Frage kommt, nimmt sie Bezug. Hierfür ist kein besonderer Deutungsakt vonnöten. Die Trojaner sind die eigentlichen Sieger, da sie sich im Kampf gegen die Griechen aufgeopfert haben und die Griechen sowieso bald vernichtet werden. Es mag zwar banal klingen, aber Kassandra verbindet das Ereignis in der Vergangenheit mit der Gegenwart schlichtergreifend dadurch, dass sie es nochmals erzählt. So hätte sie auch andere Argumente anführen können, um zu “beweisen”, dass die Trojaner die eigentlichen Sieger sind. Nicht zu verachten ist die Fackel, die sie schwingt. Auch sie symbolisiert den Kampf um Troja, der in ihren Worten mit der Gegenwart verbunden wird.

Was bleibt?

Am Ende dieses Beitrags sei ein zentrales Merkmal jeglicher psychoanalytischer Deutungen erwähnt. Freud beginnt die Suche nach dem psychischen Trauma stets bei einem real existierenden Symptom. Über Assoziationsketten gelangt er dann schließlich zu einem Ereignis, welches für die Hysterie verantwortlich ist. Obwohl ich versuchte, einen ähnlichen Weg zu gehen muss festgehalten werden, dass mein Ausgangspunkt auf einem Akt der Deutung basiert. Anders als ein Symptom, welches sich dem Psychoanalytiker in der Praxis präsentiert, sind die Symptome Kassandra von mir in die Tragödie hereingedeutet. Auf dieses “Problem” trifft man bei der psychoanalytischen Deutung von antiken Tragödien immer wieder, da es sich schlichtergreifend um Texte handelt, die gedeutet werden müssen und keine absoluten Wahrheiten liefern. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass die von mir illustrierte Verbindung zwischen den Ereignissen in der Vergangenheit von Kassandra und der Gegenwart in der Tragödie fundiert ist.

Was bleibt nun? Es gibt zwei Ereignisse, die durchaus als psychisches Trauma im Freud’schen Sinne gedeutet werden können. Nicht weil sie inhärent traumatisch sind oder einer klinischen Kategorie angehören, sondern weil sie das Verhalten der Kassandra in der Gegenwart beeinflussen. Nun kann ein zweites Merkmal der Hysterie beleuchtet werden. Der unverarbeitete Affekt.

Freud definiert das Trauma nicht primär durch das Ereignis, sondern durch dessen verzögerte Wirkung in der Gegenwart. Wie beurteilen Sie diesen Ansatz im Vergleich zu unserem heutigen, oft klinisch geprägten Verständnis von Traumafolgestörungen? Lassen Sie uns über die zeitlose Relevanz dieser frühen psychoanalytischen Konzepte diskutieren.


Kassandra in Die Troerinnen – Ein Anfall der Hysterie?

Dieser Beitrag ist Teil meiner sechsteiligen Serie über den Auftritt der Kassandra in Euripides’ Die Troerinnen:


Bildnachweis: Kassandra am Xoanon, Fresko aus dem Atrium im Haus des Menander (Pompeji). Foto: WolfgangRieger / Wikimedia Commons, Public Domain.


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  1. Freud, Sigmund: Studien über Hysterie, in: Freud, Anna (Hg.): Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Erster Band, Werke aus den Jahren 1892-1899, Frankfurt 1999, S.76-312, hier: S.84.
  2. West, Martin: Greek Epic Fragments, From the Seventh to the Fifth Centuries BC, edited and translated by Martin L. West, Cambridge, S. 147.
  3. Apollod. epit. V, 22.
  4. Q. Smyrn. XII, 420-429, übersetzt und herausgegeben von Neil Hopkinson, Cambridge 2018.

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