Über diesen Blog

Herakles, der – von der μανια gepackt – seine Kinder tötet.

Hekabe, die mit ihrer unvorstellbaren Realität ringt.

Kassandra, die der Realität vollständig entrückt zu sein scheint.

Euripides, der psychologische Nuancen meisterhaft darstellt.

Die Idee für diesen Blog entsprang zwei Beobachtungen innerhalb der beiden Tragödien Herakles und Die Troerinnen.

In Herakles ist es die Darstellung der μανια. Euripides subvertiert die Bedeutung dieses Wortes. Dionysische Exaltiertheit wandelt sich in mörderischen Wahn. Herakles verkennt die Realität und baut sie neu auf. Ein Prozess, der psychotisch anmutet.

In den Troerinnen durchdringen psychoanalytische Muster jede Ebene. Die Struktur desintegriert. Die Figuren suchen Synthese. Hekabe rennt ins Feuer – Identifikation mit dem Verlorenen, wortwörtlich. Die Tragik: Das Ich verliert die Fähigkeit, Realität wahrzunehmen. Desintegration, Synthese, Identifikation, Realitätsverlust – alles gleichzeitig, tief verankert.

Als ich für meine Thesis diese beiden Tragödien psychoanalytisch deutete, wurde die Tiefe sichtbar. Euripides verwob psychologische Nuancen in jeden Aspekt seiner Texte. Psychoanalytische Kategorien musste ich nicht dem Text überstülpen, sie waren bereits vorhanden. Im Text selbst. Schnell wurde klar: Mit der Thesis war es nicht getan. Euripides bietet einen immensen Raum für psychoanalytische Deutung.

Dieser Faszination entsprangen zwei Fragen, die meine Thesis antrieben und jetzt diesen Blog antreiben:

  1. Gibt es in der psychologischen Tiefe der euripideischen Dramen ein Muster? Wiederholen sich gewisse Konflikte und Konstellationen? Oder ist jede Tragödie in diesem Sinne einzigartig?
  2. Welchen Mehrwert hat die psychoanalytische Deutung – nicht nur für Literaturwissenschaftler, sondern auch für Historiker? Zeigt sie etwas, dass uns z.B. Thukydides nicht zeigt?

Dieser Blog ist der Versuch, diese Fragen fragmentarisch weiter zu verfolgen und zu beantworten.

Ich habe mich bewusst für einen fragmentarischen Ansatz und gegen Totaldeutungen entschieden. Die Reduktion eines gesamten Dramas auf eine singuläre Deutung wird dem psychoanalytischen Deutungsansatz nicht gerecht. Innerhalb der Dramen sind vielfältige Dynamiken am Werk, die alle umfassend beleuchtet werden können. Medea als böse Mutter zu bezeichnen ist zu einfach.

Aus diesem Grund analysiere ich Teilaspekte: eine Szene, eine Figur oder einige Verse. Dabei erfolgt die Analyse nah am Text – sowohl am antiken, als auch am psychoanalytischen Text. Aus diesen kompakten Analysen gehen viele Beobachtungen hervor, die sich zu einem Muster fügen können. Das erlaubt mir, was eine Thesis nicht erlaubt: Raum. Raum zum Nachdenken. Raum zum Zweifeln. Raum für Fragen, die sich noch ergeben. Beobachtungen können sich entfalten und müssen nicht wissenschaftlich verdichtet werden.

Beim Schreiben habe ich vier wiederkehrende Bewegungen bei mir beobachtet – vier Arten, wie ich an einen Text herangehe: Lexis, Polis, Typos und Methodos. Ich beschreibe sie nicht, um jeden Beitrag in eine von ihnen zu zwingen, sondern weil sie zeigen, wie mein Denken funktioniert. Die meisten Beiträge bewegen sich zwischen mehreren gleichzeitig: eine nahe Textanalyse kippt oft unbemerkt in eine historische Frage, eine Musterbeobachtung verlangt fast automatisch nach methodischer Selbstkontrolle. Es sind Linsen, keine Schubladen – niemand muss hier hineinpassen, am wenigsten ich selbst.

Du findest diese vier Blickwinkel oben im Menü unter “Fokus” als Filter wieder – jeder Beitrag kann mehrere davon gleichzeitig tragen, manche auch keinen. Was die vier Begriffe im Einzelnen bedeuten, erkläre ich ausführlich auf der Blickwinkel-Seite.

Ich schreibe nicht als Psychologe, sondern als Historiker. Dieser Blog stellt die Überlegungen eines Historikers dar, der ein großes Interesse an der Psychologie besitzt. Das heißt: Ich kann nicht einfach klinische Kategorien auf das Drama anwenden. Die Tragödie ist keine Klinik und die Figuren keine Patienten. Dennoch haben viele psychoanalytische Konzepte eine Parallele in den Dramen. Manchmal direkt, häufig aber symbolisch. Immer im Text. Mein Blick ist also der des Historikers. Ich frage nach Mustern, Kontexten und Bedeutungen. Nicht nach Diagnosen.

Dieser Blog ist keine Pop-Psychology.

Ich mache keine Listen a la “5 Zeichen, dass Medea eine Narzisstin ist.” Ich diagnostiziere keine Figuren. Ich überstülpe keine modernen klinischen Kategorien auf antike Texte. Stattdessen arbeite ich nah an den psychoanalytischen Texten. Wenn ich über Verdrängung schreibe, habe ich Freud gelesen. Wenn ich über Spaltung schreibe, habe ich Klein gelesen. Jeder Beitrag hat einen nachvollziehbaren Anker in einem psychoanalytischen Text. Ich nutze Theorie präzise und nicht als Buzzword.

Meine Methode ist simpel: Ich lese psychoanalytische Texte und suche nach – direkten oder symbolischen – Parallelen in den Tragödien des Euripides. Manchmal sind diese offensichtlich, manchmal erst nach detaillierter Analyse sichtbar, aber sie sind immer im Text verankert. Sehr oft ergeben sich weitere Fragen erst im Laufe der Analyse. Ich beginne mit einer Beobachtung. Sie führt zu einer zweiten. Dann zu einer dritten. Dieser Prozess ist offen.

Ich weiß: In der modernen Literaturwissenschaft gilt die Psychoanalyse als überholt, als spekulativ, als zu subjektiv. Viele Altphilologen lehnen sie ab. Viele Historiker auch.

Dennoch glaube ich daran, dass sie einen Platz innerhalb der Deutung verdient. Nicht um andere Deutungen zu ersetzen, sondern um sie zu ergänzen. Sie kann Dinge sichtbar machen, die von anderen Deutungen übersehen werden. Häufig eröffnet sie weitere Perspektiven in bereits existierenden Deutungen.

In meiner Thesis habe ich Teilaspekte aus Herakles und Die Troerinnen psychoanalytisch gedeutet. Dieser Blog ist die Fortsetzung dieser Arbeit. Schrittweise und mit Raum zur Entfaltung. Ich bin ein interessierter Leser und Fragensteller, in der Zwischenzone zwischen Psychoanalyse und Geschichte.

Dieser Blog liefert keine definitiven Antworten. Er liefert Denkanstöße. Fragen. Perspektiven. Möglichkeiten.

Wer bereit ist, mit mir zu denken – zu zweifeln, zu fragen, zu widersprechen – ist herzlich dazu eingeladen.

Willkommen bei Pathos.